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Roland Fakler

Judenfeindschaft im Islam

Wie kam es zur Judenfeindschaft im Islam?

Die Judenfeindschaft in der islamischen Welt hat eine lange Geschichte. Ihre Wurzeln liegen teilweise bereits in den religiösen Schriften und in den Konflikten zwischen Mohammed und jüdischen Stämmen im 7. Jahrhundert. Die Haltung gegenüber Juden war in der islamischen Geschichte sehr unterschiedlich.

Juden lehnten Jesus und Mohammed ab

Eine Gemeinsamkeit zwischen christlicher und islamischer Judenfeindschaft liegt in einem religiösen Konflikt: Juden erkannten weder Jesus als den von Gott gesandten Messias an noch später Mohammed als Propheten.

Im Christentum wurde die Ablehnung Jesu  zum Vorwurf gegen die Juden. Im Islam entstand ein ähnlicher Konflikt, als jüdische Gruppen Mohammed nicht als Propheten anerkannten.

Dabei spielte nicht nur die Religion eine Rolle. In Medina kam es zu politischen und militärischen Auseinandersetzungen zwischen Mohammed und mehreren jüdischen Stämmen. Diese Konflikte wurden später auch religiös interpretiert.

Was sagt der Koran über die Juden?

Der Koran enthält sowohl negative als auch positive Aussagen über Juden. Deshalb kann man nicht einfach behaupten, der Koran lehre pauschal den Hass auf alle Juden.

Es gibt allerdings zahlreiche Stellen, in denen bestimmte Juden beziehungsweise die „Kinder Israels“ scharf kritisiert werden.

So heißt es in Sure 2:83–88, dass die Kinder Israels einen Bund mit Gott gebrochen hätten und wegen ihres Unglaubens verflucht worden seien.

In Sure 5,60 werden Menschen, die Gottes Gebote missachten, unter anderem mit Affen und Schweinen verglichen. Die Stelle bezieht sich auf Menschen, die Gott ungehorsam waren; sie ist deshalb nicht einfach mit der Aussage gleichzusetzen, alle Juden seien Affen oder Schweine.

Auch Sure 5,82 enthält eine deutliche Gegenüberstellung:

„Du wirst ganz gewiss finden, dass diejenigen Menschen, die den Gläubigen am heftigsten mit Feindschaft entgegentreten, die Juden und diejenigen sind, die (Gott) Gefährten beigesellen.“

Im gleichen Zusammenhang werden Christen dagegen als den Muslimen besonders nahestehend beschrieben.

Eine wichtige Einschränkung

Häufig wird auch Sure 5,33 als Beleg für einen islamischen Judenhass angeführt. Der Vers spricht von Menschen, die „gegen Allah und seinen Gesandten Krieg führen“ und Unheil auf der Erde stiften. Er bezeichnet diese Menschen nicht ausdrücklich als Juden.

Man sollte deshalb die Koranstellen nicht stärker interpretieren, als der Text tatsächlich hergibt.

Die Konflikte in Medina

Besonders wichtig für die spätere islamische Tradition waren die Auseinandersetzungen Mohammeds mit jüdischen Stämmen in Medina.

Nach Mohammeds Übersiedlung nach Medina lebten dort mehrere jüdische Stämme. Mit ihnen bestanden zunächst Vereinbarungen. In den folgenden Jahren kam es jedoch zu politischen und militärischen Konflikten.

Die Stämme der Banu Qaynuqa und Banu Nadir wurden aus Medina vertrieben. Nach dem Konflikt mit den Banu Qurayza wurden die Männer des Stammes getötet, während Frauen und Kinder versklavt wurden. Die überlieferten Zahlen schwanken erheblich; in der islamischen Überlieferung werden mehrere hundert getötete Männer genannt. Mohammed nahm die Tochter des Stammesführers, Safya, zur Sklavin, später zur Frau.

Diese Ereignisse gehören zu den problematischsten Kapiteln der frühen islamischen Geschichte. Es handelte sich um eine Mischung aus Religion, Stammespolitik, Machtkampf und militärischem Konflikt.

Auch die Geschichte von der Vergiftung Mohammeds durch eine Jüdin aus Chaibar gehört zur islamischen Überlieferung. Sie wird allerdings unterschiedlich bewertet und sollte deshalb nicht als zweifelsfrei bewiesene historische Tatsache dargestellt werden.

Juden unter muslimischer Herrschaft

Trotz dieser religiösen und politischen Konflikte war die Situation der Juden in islamisch beherrschten Gebieten häufig besser als im christlichen Europa.

Juden konnten unter muslimischer Herrschaft über Jahrhunderte hinweg eigene Gemeinden, Schulen und religiöse Einrichtungen unterhalten. Besonders im mittelalterlichen Spanien entwickelte sich eine bedeutende jüdische Kultur.

Das bedeutet jedoch nicht, dass Juden gleichberechtigte Bürger im modernen Sinn gewesen wären.

Als Dhimmis standen Juden und Christen unter muslimischer Herrschaft grundsätzlich unter einem besonderen rechtlichen Status. Sie durften ihre Religion ausüben, waren aber gegenüber Muslimen rechtlich und gesellschaftlich benachteiligt und mussten unter bestimmten Herrschern eine besondere Abgabe entrichten.

Man kann deshalb sagen:

Die Situation der Juden war in vielen muslimischen Ländern häufig besser als im christlichen Europa – aber sie bedeutete keine Gleichberechtigung.

Es gab auch Judenverfolgungen und Massaker

Die Geschichte der islamischen Welt kennt deshalb keineswegs nur friedliche jüdisch-muslimische Beziehungen.

Ein besonders bekanntes Beispiel ist das Massaker von Granada im Jahr 1066. Dabei wurde ein großer Teil der jüdischen Gemeinde von Granada getötet. Anlass war, dass ein jüdischer Wesir mehr Macht über Muslime hatte, als ihm der Dhimmistatus erlaubt hätte.

Auch in anderen Regionen kam es immer wieder zu Verfolgungen, Zwangskonversionen, Vertreibungen und Gewalttaten gegen jüdische Gemeinden.

Gleichzeitig gab es lange Perioden friedlichen Zusammenlebens und kultureller Zusammenarbeit. Die Geschichte lässt sich deshalb weder als ständige Judenverfolgung noch als dauerhaft harmonisches Zusammenleben darstellen.

Der große Einschnitt des 20. Jahrhunderts

Eine neue und besonders scharfe Form des Antisemitismus entwickelte sich im 20. Jahrhundert.

Mit dem europäischen Nationalismus, dem modernen Rassismus und schließlich dem Nationalsozialismus entstand ein Antisemitismus, der sich deutlich vom mittelalterlichen religiösen Judenhass unterschied. Diese modernen antisemitischen Vorstellungen gelangten auch in Teile der arabischen und islamischen Welt.

Nach der Gründung Israels 1948 verschärfte sich der Konflikt zusätzlich. In mehreren arabischen und muslimisch geprägten Staaten kam es zu Diskriminierungen, Enteignungen, Verfolgungen und schließlich zur Abwanderung oder Vertreibung großer Teile der dort seit Jahrhunderten lebenden jüdischen Bevölkerung.

Nach dem Sechstagekrieg von 1967 verschärften sich die Spannungen weiter.

Dabei sollte man allerdings unterscheiden: Die Abwanderung der Juden aus den arabischen Ländern hatte unterschiedliche Ursachen und verlief von Land zu Land verschieden. Es gab Vertreibungen und staatlichen Druck, aber auch Flucht vor Gewalt, politische Unsicherheit und freiwillige Auswanderung.

Fazit

Die Judenfeindschaft in der islamischen Welt hat nicht nur eine einzige Ursache.

Zu ihren historischen Wurzeln gehören:

Ebenso wichtig ist aber die andere Seite der Geschichte: Über viele Jahrhunderte konnten Juden in islamisch beherrschten Ländern relativ sicher leben und bedeutende kulturelle Leistungen hervorbringen.

Wer die Geschichte des islamischen Judenhasses verstehen will, sollte deshalb weder beschönigen noch pauschalisieren. Es gab Zeiten des Zusammenlebens und Zeiten schwerster Verfolgung. Die religiösen Quellen enthalten sowohl positive als auch ausgesprochen negative Aussagen über Juden. Und der moderne Antisemitismus, wie wir ihn heute kennen, ist nicht ausschließlich aus dem Islam entstanden.

Gerade diese Unterscheidungen machen die Geschichte verständlicher.