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Roland Fakler

Ronge

Vom katholischen Pfarrer zum Freigeist
 
Johannes Ronge (1813–1887) trug maßgeblich zur religiösen, gesellschaftlichen und politischen Aufklärung im deutschen Vormärz bei, indem er die Vernunft über kirchliche Dogmen stellte und den Deutschkatholizismus als Variante eines aufgeklärten Christentums begründete. Er übertrug die philosophischen Prinzipien der Aufklärung – wie die religiöse Selbstbestimmung und die Pflicht zum eigenen Denken – direkt in die kirchliche und soziale Praxis des 19. Jahrhunderts. [1, 2, 3]
Seine wichtigsten Beiträge zur Aufklärung lassen sich in vier Kernbereiche unterteilen:
 
1. Kampf gegen religiösen Aberglauben und Dogmatismus
2. Etablierung einer vernunftbasierten Religion
3. Demokratisierung der Gesellschaft
4. Soziale Emanzipation und Bildung
Zusammenfassend holte Johannes Ronge die Aufklärung aus den gelehrten Studierzimmern und trug sie mitten in die bürgerliche Masse des Volkes, was ihn zu einem der populärsten Kulturreformer des deutschen Vormärz machte. [1, 2]
 
Welche Rolle spielt Jesus?
Johannes Ronge betrachtete Jesus Christus nicht als übernatürlichen Gottessohn, sondern in erster Linie als menschliches Vorbild, Reformer und Verkünder einer Religion der Liebe und Vernunft.
Im Zuge seiner Abkehr von der römisch-katholischen Kirche und der Begründung des Deutschkatholizismus entwickelte Ronge ein rationalistisches und historisch-kritisches Christusbild, das stark von der Aufklärung geprägt war. [1, 2]
Ronges Denken über Jesus lässt sich in folgenden Punkten zusammenfassen:
 
1. Ablehnung der kirchlichen Dogmen
  • Keine göttliche Natur: Ronge lehnte die traditionelle Lehre von der Dreifaltigkeit (Trinität) und die Vorstellung ab, dass Jesus im physischen Sinne Gott selbst war.
  • Kein magischer Erlöser: Er wies den klassischen Glauben zurück, dass Jesu Kreuzigung ein blutiges Sühneopfer zur Tilgung der menschlichen Erbsünde war. Für Ronge war der Mensch selbst für seine moralische Vervollkommnung verantwortlich. [1]
 
2. Jesus als der „Ur-Reformer“
  • Befreier vom Gesetz: Ronge sah in Jesus einen historischen jüdischen Reformer. Seiner Ansicht nach hatte Jesus die Religion zu ihren wahren, reinen Ursprüngen zurückgeführt, indem er starre Gesetze, Hierarchien und die Macht der Priesterkaste bekämpfte. [1]
  • Parallele zum Vormärz: Ronge zog eine direkte Parallele zwischen Jesu Kampf gegen die Pharisäer und seinem eigenen Kampf gegen die römisch-katholische Hierarchie und den Papst. [1, 2]
3. Das moralische und menschliche Vorbild
  • Lehrer der Humanität: Für Ronge lag die Bedeutung Jesu in seiner Lehre von allgemeiner Bruderliebe, Freiheit, Licht und Wahrheit.
  • Praktisches Christentum: Er betonte, dass man Jesus nicht durch das Anbeten von Reliquien oder das Aufsagen von Dogmen nachfolgt, sondern indem man wie Jesus handelt: tolerant, sozial engagiert und vernunftorientiert. [1, 2]
4. Einordnung im Leipziger Glaubensbekenntnis (1845)
Auf dem ersten Konzil der Deutschkatholiken in Leipzig wurde festgelegt, worauf sich die Bewegung einigte. Dort hieß es im Geiste von Ronges Theologie: [1]
  • „Wir glauben an Jesus Christus, unseren Erlöser, der uns durch seine Lehre, sein Leben und seinen Tod aus der Knechtschaft der Sünde, d. h. des Irrtums und des Bösen, zur Freiheit des Geistes erhoben hat.“
Das Wort „Erlöser“ wurde hier also rein moralisch und pädagogisch umgedeutet: Jesus erlöste die Menschen nicht durch ein Wunder, sondern indem er ihnen zeigte, wie sie durch eigenen Verstand und Nächstenliebe geistig frei werden können.
 
Für Johannes Ronge war die Vorstellung einer Erbsünde ein überholtes, dogmatisches Konstrukt, das dem Verstand widersprach und die menschliche Freiheit blockierte. [1, 2]
Da es in seiner Theologie keine Erbsünde gab, konnte Jesus die Menschheit auch nicht davon erlösen. [1, 2]
Ronges Ablehnung dieser Lehre und seine Neudefinition von „Sünde“ und „Erlösung“ basierten auf folgenden Prinzipien:
 
1. Ablehnung der Erbsünde
  • Mensch ist von Natur aus gut: Die traditionelle Kirche lehrte, dass jeder Mensch durch den Sündenfall Adams bereits mit Schuld befleckt geboren wird und der göttlichen Gnade bedarf. Ronge und die Deutschkatholiken lehnten diese Idee radikal ab. [1, 2]
  • Vernunftwidrig: Für Ronge widersprach es der göttlichen Gerechtigkeit, Menschen für Taten zu bestrafen, die sie nicht selbst begangen hatten.
2. Was bedeutete „Sünde“ für Ronge?
  • Persönlicher Irrtum statt Erbfluch: Sünde war für ihn keine vererbbare, metaphysische Last, sondern ganz konkret Ignoranz, mangelnde Vernunft, Egoismus und das Beharren auf Irrtümern.
  • Unmündigkeit: Wer nicht selbst dachte und sich blind kirchlichen Dogmen oder Aberglauben (wie dem Reliquienkult) unterwarf, lebte für Ronge im Zustand der Sünde. [1]
3. Was bedeutete „Erlösung“ durch Jesus?
Weil die Sünde kein magischer Fluch war, brauchte es auch kein magisches Blutopfer am Kreuz, um sie abzuwaschen. Erlösung bedeutete bei Ronge stattdessen „Befreiung des Geistes“. [1, 2]
  • Erlösung durch Aufklärung: Jesus erlöste die Menschen, indem er ihnen eine Lehre der Liebe, der Freiheit und der Gleichheit brachte. Er befreite sie aus der geistigen Knechtschaft des damaligen Establishments.
  • Hilfe zur Selbsthilfe: Jesus ist nicht der Erlöser, der stellvertretend die Strafe für die Menschen bezahlt. Er ist der Wegweiser. Die eigentliche Arbeit der Erlösung – das moralische Handeln und das rationale Denken – muss jeder Mensch durch seinen eigenen freien Willen selbst leisten. [1, 2, 3]
Zusammenfassend: Bei Ronge mutiert die Erlösung von einem übernatürlichen, göttlichen Akt (Rettung vor der Hölle/Erbsünde) zu einem pädagogischen und gesellschaftlichen Prozess (Bildung, Vernunft und moralischer Fortschritt).
Für Johannes Ronge war Gott kein persönlicher Herrscher auf einem Himmelsthron, sondern ein unendlicher, unpersönlicher Weltgeist – die „Urvernunft“ und schöpferische Urkraft, die das Universum und die Menschheit durchdringt. [1, 2]
 
Wer ist Gott?
Sein Gottesbild war zutiefst von der Aufklärung, dem Idealismus und dem sogenannten Rationalismus geprägt. Ein berühmtes Zitat, das unter Ronges Porträts gedruckt wurde, fasst seine Sichtweise zusammen: „Gott ist ein Geist, und wer ihn anbetet, soll ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten“ (nach Johannes 4,24). [1]
Ronges Gottesbegriff lässt sich durch folgende Kernmerkmale beschreiben:
 
1. Gott als der „Weltgeist“ und die „Urvernunft“
Ronge löste sich von der traditionellen christlichen Vorstellung eines vermenschlichten Gottes (Gott als alter Mann mit Bart), der willkürlich Strafen verteilt oder Wunder wirkt.
  • Gott im Menschen: Für Ronge manifestiert sich Gott in der menschlichen Vernunft und im Gewissen. Wenn der Mensch logisch denkt, nach Wahrheit strebt und moralisch gut handelt, lässt er den göttlichen Geist in sich wirken. [1, 2, 3]
  • Gott in der Natur: Gott zog sich für Ronge nicht nach der Schöpfung zurück, sondern er lenkt die Welt durch die von ihm geschaffenen, vernünftigen Naturgesetze.
2. Ablehnung des „göttlichen Despoten“
Ronge bekämpfte vehement das Gottesbild der damaligen römisch-katholischen Kirche, das er als Instrument zur Unterdrückung des Volkes ansah.
  • Keine Angstreligion: Er lehnte einen Gott ab, vor dem man Angst haben müsste, der mit der Hölle droht oder der durch den Kauf von Ablässen und das Anbeten von Reliquien (wie dem Heiligen Rock) besänftigt werden müsste. [1, 2]
  • Keine Willkür: Gott greift laut Ronge nicht durch magische Wunder in den Alltag ein, um Naturgesetze zu brechen. Das Gebet diente für ihn nicht dazu, Gott um eine Planänderung zu bitten, sondern das eigene Gewissen zu reinigen.
3. Gott fordert die Freiheit des Menschen
Im traditionellen Glauben ist der Mensch ein sündiges, ohnmächtiges Wesen, das völlig von Gottes Gnade abhängig ist. Ronge drehte dieses Verhältnis um: [1]
  • Gott will mündige Menschen: Da Gott dem Menschen die Vernunft geschenkt hat, ist es die höchste Pflicht des Menschen, diese auch zu benutzen. [1, 2, 3]
  • Demokratie als Gottes Wille: Für Ronge war der Kampf für Freiheit, Menschenrechte und Demokratie ein zutiefst religiöser Akt. Wer für gesellschaftliche Gerechtigkeit kämpfte, erfüllte den Willen des göttlichen Weltgeistes. [1]
Zusammenfassung
Im offiziellen Glaubensbekenntnis der von Ronge mitbegründeten Deutschkatholiken (Leipzig 1845) einigte man sich nüchtern auf den Satz: „Wir glauben an Gott den Vater, welcher durch sein allmächtiges Wort die Welt erschaffen hat und sie in Weisheit, Gerechtigkeit und Liebe regiert.“ Doch hinter dem Begriff „Vater“ steckte für Ronge kein patriarchaler Herrscher, sondern die Liebe und die Vernunft als Urprinzipien der Welt. [1, 2]
 
Kritik
Radikale Denker und Philosophen: Kritik von links
Interessanterweise erntete Ronge auch Kritik von den radikalsten Denkern seiner Zeit, den sogenannten Junghegelianern (wie Karl Marx oder dem Religionsphilosophen Ludwig Feuerbach). [1]
  • Kritik an der Inkonsequenz: Für diese radikalen Aufklärer ging Ronge nicht weit genug. Feuerbach argumentierte damals bereits, dass Gott ohnehin nur eine Projektion des menschlichen Geistes sei.
  • Die „halbe Sache“: Aus Sicht der extremen Linken versuchte Ronge bloß, eine alte, sterbende Religion künstlich zu modernisieren, anstatt die Menschen komplett vom religiösen Glauben zu befreien. Karl Marx sah in Ronges religiöser Bewegung eher ein Ablenkungsmanöver von den eigentlichen, harten wirtschaftlichen Problemen der Arbeiterklasse.
 
 
Die staatliche Obrigkeit und die Fürsten sahen in Johannes Ronge und seiner Bewegung eine massive, hochgefährliche politische Bedrohung. Sie betrachteten seine religiösen Reformen keineswegs als harmlose Kirchenaustrittswelle, sondern als getarnte politische Rebellion, die das Fundament ihrer absolutistischen Herrschaft untergrub.
Im Deutschen Bund des Vormärz galt das Prinzip: „Thron und Altar“ gehören unzertrennlich zusammen. Die Fürsten legitimierten ihre Macht über das Gottesgnadentum und die treue, gehorsame Unterwerfung der Kirchenmitglieder. Wer die Struktur der Kirche angriff, griff damit automatisch auch die Herrschaft der Fürsten an.
Die Reaktion der Regierungen und Fürsten war daher von harter Repression und Überwachung geprägt:
 
1. Das Verbot der Bewegung
  • Bayern und Österreich vornweg: In streng katholischen Staaten wie Bayern und dem Kaiserreich Österreich wurde die deutschkatholische Bewegung sofort verboten. Wer sich Ronges Bewegung anschloss, verlor seine bürgerlichen Rechte, Beamte wurden entlassen.
  • Preußen als Zauderer: Das protestantische Preußen zögerte anfangs, da man die Schwächung der katholischen Kirche zunächst nicht ungern sah. Doch als Friedrich Wilhelm IV. erkannte, dass Ronges Gemeinden basisdemokratische Keimzellen waren, griff auch Preußen hart durch und schränkte die Bewegung massiv ein.
2. Angst vor der „Graswurzel-Demokratie“
Was den Fürsten die größte Angst einjagte, war die Organisation der neuen Gemeinden:
  • In den deutschkatholischen Gemeinden gab es keine Bischöfe oder Fürsten, die Befehle erteilten. Die Mitglieder wählten ihre Pfarrer selbst und entschieden demokratisch über alle Belange unter Einbeziehung von Laien und Frauen.
  • Für die Geheimpolizei der Fürsten war völlig klar: Wer sonntags in der Kirche die Demokratie übt, fordert am Montag die Abschaffung der Monarchie. Die Gemeinden wurden als politische Klubs unter dem Deckmantel der Religion eingestuft.
3. Zensur und Reiseverbote
  • Polizeiliche Überwachung: Ronges Schriften wurden von den staatlichen Zensurbehörden streng überwacht und oft beschlagnahmt.
  • Reisebeschränkungen: Wenn Ronge durch Deutschland reiste, um Gemeinden zu gründen, wurde er von Spionen verfolgt. Mehrere Bundesstaaten erteilten ihm Einreise- oder Redeverbote, um zu verhindern, dass er die Massen politisch anheizte.
Das bittere Ende nach 1848
Die Befürchtungen der Fürsten bewahrheiteten sich: Als 1848 die Märzrevolution ausbrach, standen Ronge und seine Anhänger in den vordersten Reihen der demokratischen Bewegung. Ronge selbst wurde Abgeordneter. [1]
Als die Revolution scheiterte und die Fürsten die Macht zurückeroberten (die Phase der Reaktion), gingen sie mit voller Härte gegen die Bewegung vor: Gemeinden wurden zwangsaufgelöst und Johannes Ronge musste ins Exil nach England fliehen, um einer Verhaftung zu entgehen. 
 
Nach dem Scheitern der Märzrevolution von 1848/49 und dem harten Durchgreifen der Fürsten verlief die Entwicklung in Deutschland für die Bewegung und für Johannes Ronge persönlich in getrennten, aber prägenden Phasen.
1. Die Bewegung im Untergrund und der Übergang zu den „Freireligiösen“
Da die deutschkatholischen Gemeinden politisch als hochgradig verdächtig galten, wurden sie in den 1850er-Jahren (der sogenannten Reaktionsära) massiv verfolgt, drangsaliert oder direkt verboten. Die Bewegung überlebte jedoch, indem sie sich inhaltlich anpasste:
  • Die Fusion von 1859: Da ein Zurück in die traditionellen Kirchen unmöglich war, schlossen sich die verbliebenen Deutschkatholiken 1859 in Gotha mit den liberalen protestantischen „Lichtfreunden“ zusammen. [1]
  • Geburt der Freireligiösen: Aus diesem Zusammenschluss entstand der Bund freier religiöser Gemeinden (heute bekannt als Freireligiöse). Sie legten das Etikett „katholisch“ endgültig ab, strichen den Dogmenzwang komplett und verstanden sich fortan als eine Gemeinschaft, die auf rein humanistischen Werten, Aufklärung und freier Geistigkeit basierte. Diese Gemeinden existieren in Deutschland in kleinerer Form bis heute. [1, 2]
2. Johannes Ronges Rückkehr aus dem Exil
Nachdem er über ein Jahrzehnt im Londoner Exil verbracht und dort mit seiner Frau Bertha Pionierarbeit bei der Verbreitung von Fröbelschen Kindergärten geleistet hatte, wendete sich das Blatt im Jahr 1861: [1]
  • Die Amnestie (1861): Im Zuge einer politischen Entspannung in Preußen wurde eine Amnestie für die „48er-Revolutionäre“ erlassen. Ronge durfte legal nach Deutschland zurückkehren. [1, 2]
  • Verlust des Einflusses: Zurück in der Heimat stellte er fest, dass die Welt sich weiterbewegt hatte. Er zog nach Frankfurt und später nach Darmstadt. Er versuchte zwar, eine „Deutsche Nationalkirche“ ins Leben zu rufen, konnte aber nie wieder an die massenhafte, popstarähnliche Begeisterung aus der Zeit vor 1848 anknüpfen. In den neuen freireligiösen Strukturen spielte er organisatorisch keine führende Rolle mehr
Johannes Ronge verstarb schließlich 1887 während einer Reise in Wien. Auch wenn seine Vision einer großen deutschen Nationalkirche scheiterte, blieb sein Erbe über die freireligiösen Gemeinden und die Etablierung des modernen Kindergartenwesens in Deutschland bis in die Gegenwart sichtbar. [1] Auf seine vorbildlichen Ideen berufen sich heute die Humanisten in Deutschland und weltweit.