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Roland Fakler

Religion – Demokratie

Wie viel Religion verträgt und braucht die Demokratie?

Meine Antwort ist eindeutig: Die Demokratie braucht keine Religion. Sie braucht Menschenrechte, Vernunft und Humanität.

Aber Religion darf in einer Demokratie selbstverständlich ihren Platz haben. Jeder Mensch soll glauben dürfen, was er möchte. Aber ebenso selbstverständlich muss jeder Mensch das Recht haben, nicht zu glauben.

Für mich liegt hier die Grenze: Religion darf nicht nach politischer Herrschaft und besonderen Privilegien streben. Sie darf ihre Vorstellungen in die gesellschaftliche Diskussion einbringen – aber sie darf ihre religiösen „Wahrheiten“ nicht zum staatlichen Gesetz für alle Menschen machen, denn letzlich sind die auch von Menschen gemacht, vor 2000 oder 1400 Jahren im Vorderen Orient und mit westlich weniger Wissen.

Religion ja – religiöse Herrschaft nein

Eine Demokratie muss Christen, Muslime, Juden, Angehörige anderer Religionen und Atheisten gleich behandeln. Warum sollte eine religiöse Organisation mehr politische Rechte haben als eine säkulare, weltanschauliche Organisation?

Deutschland ist davon allerdings noch weit entfernt. Besonders die beiden großen Kirchen verfügen über zahlreiche Privilegien: Der Staat zieht die Kirchensteuer ein, konfessioneller Religionsunterricht ist an staatlichen Schulen verankert und kirchliche Einrichtungen erhalten umfangreiche öffentliche Finanzierung.

Bei Kindergärten, Krankenhäusern und Pflegeheimen muss man allerdings differenzieren. Dort wird vielfach eine konkrete gesellschaftliche Leistung finanziert und nicht einfach „die Religion“. Trotzdem stellt sich die Frage:

Warum sollte der Staat soziale Leistungen gerade über religiöse Träger organisieren und ihnen dadurch eine besondere gesellschaftliche Stellung und ein besondere Arbeitsrecht sichern?

War das Christentum die Voraussetzung für unsere Demokratie?

Immer wieder höre ich das Argument: Unsere Demokratie beruhe auf dem christlichen Menschenbild.

Ich halte diese Aussage für eine erhebliche Verkürzung der Geschichte.

Europa war über viele Jahrhunderte eine christlich dominierte Gesellschaft. Wobei das Christentum mit sehr viel Täuschung und Gewalt verbreitet wurde. Praktisch jeder wurde getauft und musste sich in dieser religiösen Ordnung bewegen. Deshalb waren auch viele spätere Aufklärer formal Christen oder stammten aus christlichen Familien.

Aber daraus folgt nicht, dass ihre neuen Ideen aus dem Christentum stammten. Im Gegenteil: Ein großer Teil der modernen Freiheit entstand gerade in der Auseinandersetzung mit religiöser und monarchischer Autorität.

Die Aufklärung stellte zunehmend die Vernunft über die kirchliche Autorität, die Gewissensfreiheit über den Glaubenszwang und die Volkssouveränität über die Herrschaft „von Gottes Gnaden“.

Das moderne Menschenrecht lautet nicht: Du musst die richtige Religion haben.

Es lautet: Du hast das Recht, selbst zu entscheiden, woran du glaubst.

Und Jesus war kein Demokrat

Auch Jesus wird heute manchmal rückwirkend zum Begründer unserer humanistischen Demokratie gemacht. Dafür gibt es keinen überzeugenden historischen Grund.

Jesus war kein politischer Theoretiker. Er entwickelte keine Lehre von Demokratie, Gewaltenteilung, Menschenrechten oder Volkssouveränität. Staatstheorie hat ihn nicht interessiert. Seine Verkündigung war stark von der baldigen Erwartung des kommenden Reiches Gottes geprägt.

Er lebte in einer hierarchischen Gesellschaft und trat gegenüber seinen Jüngern als religiöse Autorität auf. Das ist nicht dasselbe wie ein demokratisches Menschenbild.

Natürlich gibt es in der Jesusüberlieferung Gedanken, die wir heute als human wertvoll betrachten können: die Nächstenliebe, die Barmherzigkeit, die Hilfe für Arme und Ausgegrenzte und die Forderung, sogar seine Feinde zu lieben.

Aber daneben steht der Anspruch auf religiöse Wahrheit und Erlösung. Im Johannesevangelium sagt Jesus:

„Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.“

Das ist ein religiöser Wahrheitsanspruch. Ein moderner Humanist würde dagegen sagen: Niemand besitzt die letzte Wahrheit über das Leben, und niemand darf anderen Menschen vorschreiben, was sie glauben müssen.

Was die Demokratie wirklich braucht.

Ich bestreite deshalb nicht, dass christliche Traditionen zur europäischen Kultur und auch zur Entwicklung bestimmter ethischer Vorstellungen beigetragen haben. Aber ich bestreite, dass die Demokratie auf dem Christentum beruhen muss.

Die Demokratie braucht keine göttliche Offenbarung. Sie braucht keine Kirche, die ihr die Moral vorgibt.

Sie braucht etwas viel Einfacheres und zugleich viel Schwierigeres:

Diese Werte können religiös begründet werden. Aber sie brauchen keine religiöse Begründung.

Die entscheidende Grenze

Für mich ist deshalb nicht die Frage entscheidend, wie viel Religion die Demokratie verträgt.

Die entscheidende Frage lautet:

Wie viel Macht darf Religion besitzen?

Ein gläubiger Mensch kann ein überzeugter Demokrat sein. Ein Atheist kann ein Diktator sein. Das Problem ist nicht der Glaube, sondern der Machtanspruch, der meist mit dem Glauben verbunden ist.

Wer glaubt, darf glauben. Wer beten möchte, soll beten. Wer seine Religion öffentlich vertreten möchte, soll das tun können, solange er damit nicht andere stört.

Aber niemand darf sagen:

„Meine Religion ist die Wahrheit – deshalb müssen alle anderen nach meinen religiösen Regeln leben.“

Genau an diesem Punkt beginnt die Gefahr für die Demokratie.

Freiheit für den Glauben – Freiheit vom Glauben

Ich wünsche mir deshalb keinen religionsfeindlichen Staat. Ich wünsche mir einen weltanschaulich neutralen Staat.

Der Staat soll nicht entscheiden, welcher Gott existiert. Er soll nicht entscheiden, welche Religion die richtige ist. Und er soll auch nicht entscheiden, dass Religion grundsätzlich falsch ist.

Er soll nur eines garantieren:

Jeder Mensch hat die gleiche Freiheit.

Vielleicht ist das die wichtigste Lehre aus der Geschichte: Nicht nur politische Macht muss begrenzt werden. Auch religiöse Macht muss dort ihre Grenze finden, wo sie die Freiheit anderer Menschen beschneiden will.

Die Demokratie verlangt nicht, dass wir dasselbe glauben. Sie verlangt nur, dass wir einander die gleichen Rechte zugestehen.

Das ist für mich Humanismus.

Denken statt glauben. Freiheit für den Glauben – und Freiheit vom Glauben.