Header Image

Roland Fakler

Absurditäten

Heilige Absurditäten

 

Religiöse Gemeinschaften berufen sich gern auf göttliche Autorität. Ihre Regeln gelten dann nicht als menschliche Tradition, sondern als „heilige Gebote“. Wer sie infrage stellt, stellt angeblich Gott infrage. Genau dadurch bleiben viele Vorschriften erhalten, die aus heutiger Sicht ziemlich merkwürdig wirken. Im Judentum etwa dürfen Fleisch und Milch nicht zusammen gegessen werden. Strenggläubige Familien besitzen deshalb zwei Geschirrsets – manchmal sogar zwei Spülbecken. Am Sabbat darf keine Elektrizität bedient werden. Also wurden „Sabbat-Aufzüge“ erfunden, die automatisch in jedem Stockwerk halten, damit niemand einen Knopf drücken muss. Die Amische lehnen Autos, Smartphones oder Fernsehen ab. Sie leben bewusst wie im 18. oder 19. Jahrhundert – allerdings mitten in einer modernen Welt, deren Technik sie indirekt dennoch nutzen. Mitglieder der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage verzichten auf Alkohol, Kaffee und schwarzen Tee. Außerdem tragen viele eine besondere religiöse Unterwäsche, die sie täglich an ihre Glaubenspflichten erinnern soll. Im Islam gibt es traditionelle Reinheitsregeln. Im Ramadan darf tagesüber nichts gegessen und getrunken werden. Wenn den ganzen Tag auf das Trinken verzichtet werden muss, ist das bestimmt gesundheitsschädlich. In konservativen Auslegungen gilt die linke Hand als unrein. Essen oder Dinge überreichen soll man mit der rechten Hand. Für Linkshänder ist das wie eine Diskriminierung – ein Beispiel dafür, wie jahrtausendealte Reinheitsvorstellungen bis heute fortleben. Im Christentum wurden lange Zeit Dinge wie Tanzen, Schminken oder bestimmte Kleidung verboten, weil sie angeblich moralisch gefährlich seien. Das Tanzen ist heute noch in Deutschland an bestimmten „Stillen Tagen“ verboten.

Das eigentliche Problem: Der Punkt ist nicht, dass Menschen solche Regeln freiwillig befolgen. Jeder darf bei uns leben, wie er möchte. Problematisch wird es erst, wenn solche Traditionen mit göttlicher Autorität begründet und aufgezwungen werden, womöglich sollen auch Andersgläubige auf solche Absurditäten Rücksicht nehmen. (Halalfleisch in Schulkantinen; Fastenzwang im Ramadan…) Dann erscheinen menschliche Gewohnheiten plötzlich als ewige Wahrheit. Kritik wird zur Gotteslästerung, Zweifel und abweichendes Verhalten zur Sünde. Dabei zeigt ein Blick in die Geschichte etwas anderes: Fast alle religiösen Regeln sind Produkte ihrer Zeit – geprägt von alten Hygienevorstellungen, sozialen Hierarchien oder einfach Terror religiöser Eliten. In einer modernen Gesellschaft sollte deshalb etwas anderes gelten: Regeln müssen sich durch Vernunft, Erfahrung und öffentliche Diskussion rechtfertigen – nicht durch angebliche Offenbarungen. Oder anders gesagt: Was Menschen erfunden haben, darf man auch hinterfragen. Und manchmal lohnt es sich sogar. 

Siehe mein Buch: Falsches Denken – falsches Handeln