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Roland Fakler

Showing posts from: April 2026

Jesusgeschichte

Entwicklung der Jesusgeschichte im Laufe der Zeit. Was wurde verändert?

1. Der längere Schluss des Markusevangeliums

  • Evangelium nach Markus 16:9–20
  • Fehlt in den ältesten Handschriften (z. B. Codex Sinaiticus)
  • Stil und Wortschatz unterscheiden sich deutlich vom restlichen Text.

Fazit: Sehr wahrscheinlich später hinzugefügt, um ein „runderes“ Ende mit Auferstehungserscheinungen zu liefern…und die Idee des Paulus vom Messias einzuarbeiten, der für unsere Sünden gestorben und angeblich auferstanden ist.


 2. Die Geschichte von der Ehebrecherin

  • Evangelium nach Johannes 7:53–8:11
  • („Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein“)
  • Fehlt in frühen Handschriften oder steht an verschiedenen Stellen

Fazit: Wahrscheinlich später eingefügt, obwohl sie theologisch und literarisch sehr prägend wurde und durchaus vorbildlich ist.


 3. Das „Comma Johanneum“

  • Erster Johannesbrief 5:7–8
  • Explizite Trinitätsformel („Vater, Wort und Heiliger Geist…“)
  • In griechischen Handschriften ursprünglich nicht enthalten
  • Entstand vermutlich erst im lateinischen Westen.

Fazit: Klarer späterer Zusatz, oft als klassisches Beispiel einer theologischen Einfügung genannt…um das Dogma der Trinität biblisch zu begründen.


 4. Einzelne Verse in Paulusbriefen

Einige Stellen gelten als mögliche spätere Ergänzungen.

 5. Ganze Briefe mit zweifelhafter Autorschaft

Hier geht es nicht um einzelne Sätze, sondern um ganze Schriften:

  • Zweiter Petrusbrief
  • Pastoralbriefe (1. & 2. Timotheus, Titus)

Viele Forscher vermuten, dass sie nicht direkt von den genannten Aposteln stammen, sondern später in deren Namen verfasst wurden (ein in der Antike nicht unübliches literarisches Verfahren).


 6. Kleinere Textvarianten überall

  • Es gibt tausende Varianten zwischen Handschriften
  • Die meisten sind unbedeutend (Rechtschreibung, Wortstellung etc.)

Wichtig: Die kritische Textforschung (Textkritik) kann den ursprünglichen Text meist sehr gut rekonstruieren.


 Gesamtbewertung

  • Es gibt klar identifizierbare spätere Ergänzungen (z. B. Markus-Schluss, Comma Johanneum)
  • Es gibt umstrittene Stellen
  • Und es gibt ganze Texte mit wahrscheinlich späterer Autorschaft

Aber: Der „Kernbestand“ der Evangelien und der wichtigsten Paulusbriefe gilt als relativ stabil und früh bezeugt.

  • Viele dieser Einschübe zeigen, wie sich Theologie entwickelt hat
  • z. B.:
    • stärkere Betonung der Auferstehung
    • klarere Trinitätslehre
    • strengere Gemeinderegeln

Das Neue Testament ist also nicht nur ein Dokument von „einem Moment“, sondern auch ein Zeugnis innerchristlicher Auseinandersetzung und Entwicklung.


Entwicklung des Jesusbildes

1. Das Jesusbild: vom Verkündiger zum göttlichen Wesen

Früheste Schicht (z. B. synoptische Evangelien)

  • Evangelium nach Markus zeigt Jesus eher:
    • als endzeitlichen Prediger
    • von Gott gesandt
    • aber nicht eindeutig als „Gott selbst“

Spätere Entwicklung

  • Evangelium nach Johannes:
    • „Ich und der Vater sind eins“
    • stark ausgeprägte Göttlichkeit

 Ergebnis:
Die Vorstellung von Jesus als Gott wird im Laufe der Zeit deutlich verstärkt.


 2. Die Trinitätslehre

  • Explizite Formulierung fehlt in den ältesten Schichten
  • Der berühmte Zusatz:
    • Erster Johannesbrief 5:7 (Comma Johanneum)
      ist nachweislich später eingefügt

👉 Ergebnis:
Die dogmatisch klare Dreieinigkeit ist eine spätere theologische Systematisierung, nicht ursprünglich so formuliert.


 3. Erlösung durch den Tod Jesu

Früh:

  • Jesus predigt das Reich Gottes

Bei Paulus von Tarsus

  • Tod Jesu wird zentral:
    • Sühneopfer
    • Erlösung durch Kreuz und Auferstehung

Ergebnis:
Die Deutung des Kreuzestodes als Heilsmechanismus ist stark paulinisch geprägt und möglicherweise nicht identisch mit der ursprünglichen Verkündigung Jesu.


4. Verhältnis zu Gesetz, Staat und Gesellschaft

Strittige bzw. spätere Einflüsse:

  • Unterordnung unter Obrigkeit:
    • (z. B. Römer 13)
  • Frauen sollen schweigen:
    • Erster Korintherbrief 14:34–35 (möglicher Einschub)

Ergebnis: Ein Teil der kirchlichen Sozialordnung könnte später verschärft worden sein.


 5. Frauenbild

Früh:

  • Frauen treten als Zeuginnen und Anhängerinnen auf

Später:

  • stärkere Einschränkungen (Pastoralbriefe, Gemeinderegeln)

 Ergebnis: Die spätere Kirche wird deutlich patriarchaler als manche frühere Überlieferung vermuten lässt.


6. Hölle, Gericht und Verdammnis

  • In frühen Texten: oft bildhafte, offene Vorstellungen
  • Später:
    • stärkere Ausmalung von Strafe und Verdammnis

 Ergebnis: Die drastische Jenseitsvorstellung ist teilweise Ergebnis späterer theologischer Zuspitzung.


 7. Gemeindestruktur und Kirche

Früh:

  • lockere, charismatische Gruppen

Später:

  • feste Ämter (Bischöfe, Diakone)
  • klare Hierarchien (v. a. in den Pastoralbriefen)

 Ergebnis: Die institutionelle Kirche ist ein späterer Ausbau – nicht von Anfang an so vorhanden.


 Gesamtbild

Wenn man alles zusammennimmt:

 Früh (ca. 30–70 n. Chr.)

  • Wanderprediger Jesus
  • Erwartung des nahen Gottesreichs
  • offene Strukturen

 Später (70–150 n. Chr.)

  • theologische Systembildung
  • stärkere Dogmen (Göttlichkeit, Erlösung)
  • Ordnung, Hierarchie, Normen

 Historische Einordnung

Das bedeutet nicht:

  • dass „alles erfunden“ ist

Aber es zeigt: Das Neue Testament ist ein Entwicklungsprozess, kein einheitliches Werk aus einem Guss.

Gerade für die ideengeschichtliche Perspektive ist das zentral:

  • Man kann sehen, wie Macht, Ordnung und Theologie miteinander verwoben wurden
  • und wie sich aus einer Bewegung eine Institution formte

Was viele Historiker als relativ ursprüngliche Botschaft Jesu ansehen – im Unterschied zu späteren theologischen Deutungen.

Dabei stützt man sich vor allem auf:

  • die ältesten Textschichten
  • Mehrfachüberlieferung (wenn etwas in verschiedenen Quellen vorkommt)
  • Kriterien wie „Peinlichkeit“ (was die Kirche später eher nicht erfunden hätte)

 1. Der historische Jesus: Kern seiner Botschaft

Am zuverlässigsten greifbar ist Jesus im
Evangelium nach Markus und in frühen Spruchtraditionen.

 Zentral:

 Das kommende Reich Gottes

  • Gott greift bald ein
  • Welt wird erneuert / umgekehrt
  • Dringlichkeit („Die Zeit ist erfüllt“)

 Jesus ist hier Endzeitprophet, nicht Dogmatiker


 2. Ethik: radikal, aber nicht systematisch

Typisch für Jesus:

  • Feindesliebe
  • Vergebung
  • Hilfe für Arme und Ausgegrenzte

Beispiele:

  • Gleichnisse
  • pointierte Sprüche

Wichtig: Keine ausgearbeitete Theologie, sondern konkrete Lebenspraxis


3. Soziale Sprengkraft

Jesus wendet sich besonders:

  • Armen
  • Sündern
  • Außenseitern zu.

Er relativiert:

  • religiöse Eliten
  • starre Gesetzesauslegung 

    Das wirkt subversiv gegenüber bestehenden Ordnungen


 4. Selbstverständnis Jesu

Sehr wichtiger Punkt:

 Wahrscheinlich:

  • Prophet
  • von Gott bevollmächtigt
  • evtl. Messias 

 Eher nicht eindeutig ursprünglich:

  • „Ich bin Gott“
  • metaphysische Trinitätslehre

Diese starken Aussagen finden sich vor allem im Evangelium nach Johannes (später entstanden)


 5. Kreuzestod – ursprüngliche Bedeutung?

Historisch wahrscheinlich:

  • Jesus wurde gekreuzigt (gut belegt)
  • Grund: Konflikt (religiös + politisch)

 Aber: Die Deutung als:

  • Sühneopfer
  • Heilsnotwendigkeit

kommt besonders von
Paulus von Tarsus.


 6. Was Jesus vermutlich NICHT gelehrt hat

Aus historischer Sicht eher später:

❌ ausgearbeitete Dogmatik
❌ Trinität
❌ detaillierte Höllentheologie
❌ kirchliche Hierarchie
❌ komplexe Erlösungslehre (im paulinischen Sinn)


 7. Kurzform: Der „wahrscheinliche Jesus“

 Ein jüdischer Wanderprediger, der:

  • das nahe Reich Gottes verkündet
  • radikale Umkehr fordert
  • soziale und religiöse Grenzen sprengt
  • in Konflikt gerät und hingerichtet wird

 Kein:

  • systematischer Theologe
  • Kirchenorganisator
  • Dogmenstifter

 8. Der Wendepunkt: Nach Ostern

Nach dem Tod Jesu passiert Entscheidendes:

Die Anhänger beginnen zu sagen:

  • Jesus lebt (Auferstehungsglaube)
  • sein Tod hat Sinn
  • er ist mehr als ein Prophet

 Hier beginnt die Entwicklung:

  • von Botschaft Jesu
    zu
  • Botschaft über Jesus

 9. Historisch besonders wichtig 

Man kann es so zuspitzen:

 Jesus:

  • verkündet das Reich Gottes

 spätere Theologie:

  • verkündet Jesus selbst als Heilszentrum

Das ist eine der größten Verschiebungen der Religionsgeschichte.


 Fazit

Es gibt eine relativ klare Differenz zwischen:

 Früher Kern

  • Endzeitbotschaft
  • Ethik
  • prophetisches Auftreten

 Spätere Entwicklung

  • Dogmen
  • Kirchenordnung
  • ausgearbeitete Erlösungslehre

 1. Die Naherwartung des Gottesreiches wurde „entschärft“

Ursprünglich:

Im Evangelium nach Markus:

  • „Diese Generation wird nicht vergehen…“
  • Erwartung: baldiges Weltende

 Das war extrem brisant:

  • Wenn das Ende unmittelbar kommt, verlieren Staat, Besitz und Ordnung an Bedeutung

Später:

  • Verzögerung wird erklärt
  • Fokus verschiebt sich auf:
    • Kirche
    • Dauerhafte Ordnung

 Ergebnis: Aus akuter Endzeiterwartung wird eine langfristige Religion


 2. Politische Sprengkraft wird reduziert

Ursprünglich:

Jesus wird gekreuzigt – eine römische Hinrichtungsart für Aufrührer

 Das deutet auf:

  • politischen Konflikt
  • mögliche Wahrnehmung als Unruhestifter

Spätere Darstellung:

  • Schuld wird stärker auf „die Juden“ verlagert
  • Römer erscheinen teilweise milder

z. B. bei Pontius Pilatus in den Evangelien

 Ergebnis: Entpolitisierung – Jesus wird weniger als Gefahr für Rom dargestellt


 3. Radikale Besitzkritik wird abgemildert

Ursprünglich:

  • „Verkaufe alles, was du hast“
  • Reichtum = Problem

Später:

  • weniger radikal ausgelegt
  • Kirche arrangiert sich mit Besitz und Macht

 Ergebnis: Aus existenzieller Armutsforderung wird moralische Empfehlung


 4. Unterordnung unter staatliche Macht

Ein besonders auffälliger Punkt:

  • Brief an die Römer 13
    → „Alle Obrigkeit ist von Gott eingesetzt“

 Das steht in Spannung zu:

  • einem hingerichteten Aufrührer
  • einer ursprünglich eher systemkritischen Bewegung

 Viele sehen hier: eine Anpassung an die Realität des Imperiums


 5. Einschränkung von Frauen

Früh:

  • Frauen als erste Zeuginnen der Auferstehung
  • aktive Rollen

Später:

  • Schweigegebote
    (Erster Korintherbrief 14:34–35, evtl. Einschub)
  • stärkere Hierarchie

 Ergebnis: Eine ursprünglich offenere Bewegung wird patriarchaler


 6. Radikale Ethik wird „praktikabler“ gemacht

Jesus fordert:

  • Feindesliebe
  • Gewaltverzicht
  • völlige Hingabe

 Schwer umsetzbar für eine wachsende Gesellschaft

Später:

  • Kompromisse
  • Institutionalisierung
  • Moral statt Radikalität

 Ergebnis: Aus revolutionärer Ethik wird regulierbare Moral


 7. Vom Charisma zur Institution

Früh:

  • spontane Bewegung
  • keine festen Ämter

Später:

  • Bischöfe
  • Hierarchien
  • klare Regeln

z. B. in den Pastoralbriefen

 Ergebnis: Stabilität ersetzt Spontaneität


 Gesamtdeutung

Man kann das als historischen Prozess verstehen:

Phase 1 – Jesusbewegung

  • radikal
  • endzeitlich
  • sozial herausfordernd

Phase 2 – frühes Christentum

  • Deutung des Todes
  • erste Strukturen

Phase 3 – Kirche

  • Anpassung an Staat und Gesellschaft
  • Ordnung, Dogma, Hierarchie

 Wichtige Einordnung 

Es wäre zu simpel zu sagen:  „Alles wurde absichtlich verfälscht“

Realistischer ist:

  • viele kleine Anpassungen
  • theologische Deutungen
  • praktische Notwendigkeiten

 Ein Transformationsprozess, kein einzelner „Betrug“


 Zuspitzung (historisch formuliert)

Man kann es so ausdrücken:

 Die ursprüngliche Bewegung war:

  • kurzfristig
  • radikal
  • potenziell destabilierend

 Die spätere Kirche wurde:

  • dauerhaft
  • ordnend
  • systemstabilisierend

Wurden Jesu Lehren später entschärft?

Zusammenfassung


1. Vom nahen Weltende zur dauerhaften Religion

Die frühesten Überlieferungen zeigen Jesus als Verkünder eines unmittelbar bevorstehenden Eingreifens Gottes. Die Erwartung war klar: Das Reich Gottes steht kurz bevor.

Diese Naherwartung hatte Sprengkraft:

  • Bestehende Ordnung wurde relativiert
  • Besitz und Macht verloren an Bedeutung

Als das erwartete Ereignis ausblieb, kam es zu einer Verschiebung:

  • Die Bewegung stellte sich auf Dauer ein
  • Strukturen und Organisation gewannen an Bedeutung

Ergebnis: Aus einer akuten Endzeiterwartung entstand eine langfristig angelegte Religion.


2. Entschärfung politischer Brisanz

Die Kreuzigung Jesu war eine römische Strafe für politische Aufrührer. Das deutet darauf hin, dass Jesus zumindest als Gefahr wahrgenommen wurde.

In späteren Darstellungen zeigt sich jedoch:

  • Die römische Verantwortung wird abgeschwächt
  • Die Schuld wird teilweise anderen Gruppen zugeschrieben

Ergebnis: Die Bewegung wird weniger politisch brisant dargestellt und besser mit der römischen Ordnung vereinbar.


3. Abschwächung radikaler Besitzkritik

In frühen Überlieferungen fordert Jesus:

  • Verzicht auf Besitz
  • radikale Hingabe

Solche Forderungen sind schwer dauerhaft umzusetzen. In der späteren Entwicklung:

  • werden sie oft symbolisch oder moralisch interpretiert
  • verliert die Radikalität an Schärfe

 Ergebnis: Aus existenziellen Forderungen werden ethische Empfehlungen.


4. Anpassung an staatliche Ordnung

Ein auffälliger Wandel zeigt sich im Verhältnis zur politischen Macht:

  • Früh: eher spannungsgeladenes Verhältnis
  • Später: Betonung von Ordnung und Gehorsam

Die Vorstellung, dass staatliche Autorität von Gott eingesetzt sei, stabilisiert bestehende Systeme.

 Ergebnis: Die Bewegung wird systemverträglicher.


5. Veränderung der Rolle der Frauen

Frühe Überlieferungen zeigen:

  • Frauen als wichtige Zeuginnen
  • aktive Beteiligung

Spätere Entwicklungen bringen:

  • stärkere Einschränkungen
  • klarere Hierarchien

 Ergebnis: Eine ursprünglich offenere Struktur wird patriarchaler.


6. Von radikaler Ethik zu praktischer Moral

Die Ethik Jesu ist kompromisslos:

  • Feindesliebe
  • Gewaltverzicht
  • völlige Hingabe

Für eine wachsende Gemeinschaft ist das schwer durchzuhalten. Deshalb kommt es zu:

  • Anpassungen
  • praktikableren Regeln

 Ergebnis: Aus radikaler Lebensforderung wird alltagstaugliche Moral.


7. Vom Charisma zur Institution

Die ursprüngliche Bewegung war:

  • spontan
  • wenig organisiert
  • charismatisch geprägt

Mit der Zeit entstehen:

  • feste Ämter
  • Hierarchien
  • klare Strukturen

 Ergebnis: Stabilität ersetzt Spontaneität.


Gesamtfazit

Die Entwicklung des frühen Christentums lässt sich in drei Phasen beschreiben:

1. Jesusbewegung

  • radikal
  • endzeitlich
  • gesellschaftlich herausfordernd

2. Frühchristentum

  • Deutung des Todes Jesu
  • erste organisatorische Ansätze

3. Kirche

  • Institutionalisierung
  • Anpassung an Staat und Gesellschaft
  • Ausbildung von Dogmen

Schlussgedanke

Die Veränderungen im Neuen Testament sind am besten nicht als gezielte Verfälschung zu verstehen, sondern als historischer Anpassungsprozess.

Eine ursprünglich:

  • kurzfristige
  • radikale
  • potenziell systemkritische Bewegung

wurde zu einer:

  • dauerhaften
  • ordnenden
  • systemstabilisierenden Religion

Barmer Erklärung

Meine kritischen Betrachtungen zur Barmer Erklärung 1934

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Dieser Text ist deswegen sehr aktuell, weil der politische Islam seine Herrschaftsansprüche heute theologisch mit einem Fantasiemännchen begründen möchte, das ihm angeblich vor 1400 Jahren das Recht und den Auftrag erteilt habe, die ganze Welt zu beherrschen.

Die Barmer Theologische Erklärung

Die Theologische Erklärung der Bekenntnissynode in Barmen vom 31. Mai 1934

ist die zentrale theologische Äußerung der Bekennenden Kirche unter der natio-

nalsozialistischen Herrschaft 1933-1945. Sie richtete sich gegen die falsche

Theologie und das Kirchenregime der so genannten „Deutschen Christen“, die

damit begonnen hatten, die evangelische Kirche der Diktatur des „Führers“

anzugleichen.

Theologie ist nichts als Fantasie. Sie kann sich deswegen an jedes Regime anpassen. Alle Religionen sind menschengemacht.

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) bestätigt in Artikel 1 (3) ihrer

Grundordnung mit ihren Gliedkirchen die von dieser Bekenntnissynode getrof-

fenen Entscheidungen. Ganz überwiegend betrachten die Gliedkirchen der EKD

die Barmer Theologische Erklärung als wegweisendes Lehr- und Glaubens-

zeugnis der Kirche. Nicht wenige messen ihr darüber hinaus verpflichtende

Bedeutung bei, einige rechnen sie ausdrücklich zu ihren Bekenntnisgrundlagen.

Auch für zahlreiche Kirchen aus der evangelischen Ökumene wurde die Barmer

Theologische Erklärung eine maßgebliche Orientierung für ihr eigenes

Bekennen, Lehren und Widerstehen.

PRÄAMBEL

Die Deutsche Evangelische Kirche ist nach den Eingangsworten ihrer

Verfassung vom 11. Juli 1933 ein Bund der aus der Reformation erwachsenen,

gleichberechtigt nebeneinander stehenden Bekenntniskirchen. Die theologische

Voraussetzung der Vereinigung dieser Kirchen ist in Art. 1 und Art. 2,1 der von

der Reichsregierung am 14. Juli 1933 anerkannten Verfassung der Deutschen

Evangelischen Kirche angegeben:

Art. 1: Die unantastbare Grundlage der Deutschen Evangelischen Kirche ist das

Evangelium von Jesus Christus, wie es uns in der Heiligen Schrift bezeugt und

in den Bekenntnissen der Reformation neu ans Licht getreten ist. Hierdurch

werden die Vollmachten, deren die Kirche für ihre Sendung bedarf, bestimmt

und begrenzt.

Dieses Evangelium ist leider sehr undeutlich, was die Staatsform angeht.

Kommt alle Obrigkeit von Gott, wie Paulus in Röm. 13:1 behauptet, dann regierte Hitler 1934 rechtmäßig.  

Röm. 13:1 „Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit ohne von Gott; wo aber Obrigkeit ist, die ist von Gott verordnet. 2Wer sich nun der Obrigkeit widersetzt, der widerstrebt Gottes Ordnung; die aber widerstreben, werden über sich ein Urteil empfangen.“

Damit wird praktisch jeder Widerstand gegen ein an der Macht befindliches Regime verboten, egal wie es an die Macht kam, egal wie es Macht ausübt, egal wie ungerecht und unmenschlich es ist.

 Art. 2: Die Deutsche Evangelische Kirche gliedert sich in Kirchen

(Landeskirchen).

Wir, die zur Bekenntnissynode der Deutschen Evangelischen Kirche vereinigten

Vertreter lutherischer, reformierter und unierter Kirchen, freier Synoden,

Kirchentage und Gemeindekreise erklären, dass wir gemeinsam auf dem Boden

der Deutschen Evangelischen Kirche als eines Bundes der deutschen

Bekenntniskirchen stehen. Uns fügt dabei zusammen das Bekenntnis zu dem

einen Herrn der einen, heiligen, allgemeinen und apostolischen Kirche.

Diese Kirche behauptet von sich, heilig zu sein, aber ihre Geschichte zeigt, dass sie alles andere als heilbringend war. Sie war fast genauso verfolgungswütig wie das Naziregime.  

Wie legitimiert Jesus seine Herrschaft? Wieso sollte er mein Herr sein? Ich bin ein freier Bürger in einer freiheitlichen Demokratie. Über mir gibt es keinen Herrn.

Herrschaft kann nicht theologisch legitimiert werden. Sie muss vernunftgemäß legitimiert werden.

2

Wir erklären vor der Öffentlichkeit aller evangelischen Kirchen Deutsch-

lands, dass die Gemeinsamkeit dieses Bekenntnisses und damit auch die Einheit

der Deutschen Evangelischen Kirche aufs schwerste gefährdet ist. Sie ist

bedroht durch die in dem ersten Jahr des Bestehens der Deutschen

Evangelischen Kirche mehr und mehr sichtbar gewordene Lehr- und

Handlungsweise der herrschenden Kirchenpartei der Deutschen Christen und

des von ihr getragenen Kirchenregimentes. Diese Bedrohung besteht darin, dass

die theologische Voraussetzung, in der die Deutsche Evangelische Kirche

vereinigt ist, sowohl seitens der Führer und Sprecher der Deutschen Christen als

auch seitens des Kirchenregimentes dauernd und grundsätzlich durch fremde

Voraussetzungen durchkreuzt und unwirksam gemacht wird. Bei deren Geltung

hört die Kirche nach allen bei uns in Kraft stehenden Bekenntnissen auf, Kirche

zu sein. Bei deren Geltung wird also auch die Deutsche Evangelische Kirche als

Bund der Bekenntniskirchen innerlich unmöglich.

Die Lösung wäre eine klare Trennung von Religion und Staat.

 Gemeinsam dürfen und müssen wir als Glieder lutherischer, reformierter und

unierter Kirchen heute in dieser Sache reden. Gerade weil wir unseren

verschiedenen Bekenntnissen treu sein und bleiben wollen, dürfen wir nicht

schweigen, da wir glauben, dass uns in einer Zeit gemeinsamer Not und

Anfechtung ein gemeinsames Wort in den Mund gelegt ist. Wir befehlen es

Gott, was dies für das Verhältnis der Bekenntniskirchen untereinander bedeuten

mag.

Und was hat Gott nun dagegen unternommen? Hat er sich zu Wort gemeldet?

Hat er geholfen? Was hat er in dieser Situation geraten?

 Wir bekennen uns angesichts der die Kirche verwüstenden und damit auch

die Einheit der Deutschen Evangelischen Kirche sprengenden Irrtümer der

Deutschen Christen und der gegenwärtigen Reichskirchenregierung zu

folgenden evangelischen Wahrheiten:

Wahrheiten = Glaubenswahrheiten = Dogmen = Wunschwahrheiten!

THESEN

  1. Jesus Christus spricht: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben;

niemand kommt zum Vater denn durch mich. (Joh. 14, 6)

Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer nicht zur Tür hineingeht in den

Schafstall, sondern steigt anderswo hinein, der ist ein Dieb und Räuber.

Ich bin die Tür; wenn jemand durch mich hineingeht, wird er selig werden.

(Joh 10,1.9)

Das halte ich für eine ziemliche Anmaßung eines jüdischen Wanderpredigers. Siehe: Jesu Drohbotschaften.

Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine

Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu

vertrauen und zu gehorchen haben.

Diese Erziehung zu blindem Gehorsam, führte in die Diktatur.

Wir verwerfen die falsche Lehre, als könne und müsse die Kirche als Quelle

ihrer Verkündigung außer und neben diesem einen Worte Gottes auch noch

andere Ereignisse und Mächte, Gestalten und Wahrheiten als Gottes

Offenbarung anerkennen.

Ist dieses angebliche Wort Gottes, tatsächlich wahrhaftig überliefert worden…und von welchem Gott stammt dieses Wort? Es gibt ja noch andere Offenbarungen von anderen Göttern. Selbst die christliche Offenbarung fand sehr vielfältige Interpretationen. Es gibt dutzende verschiedene christliche Bekenntnisse. Scheinbar ist die Botschaft alles andere als eindeutig.

3

  1. Durch Gott seid ihr in Christus Jesus, der uns von Gott gemacht ist zur

Weisheit und zur Gerechtigkeit und zur Heiligung und zur Erlösung.

Was ist das für eine Weisheit, die von verschiedenen Gruppen völlig verschieden ausgelegt werden kann…und die letztlich einen Diktator an die Macht gebracht hat?

  • Kor 1,30)

 

Wie Jesus Christus Gottes Zuspruch der Vergebung aller unserer Sünden

ist, so und mit gleichem Ernst ist er auch Gottes kräftiger Anspruch auf

unser ganzes Leben; durch ihn widerfährt uns frohe Befreiung aus den

gottlosen Bindungen dieser Welt zu freiem, dankbarem Dienst an seinen

Geschöpfen.

Dieses theologische Gefasel hat nicht Befreiung gebracht, sondern Unterwerfung unter einen himmlischen und einen irdischen Diktator.

Wir verwerfen die falsche Lehre, als gebe es Bereiche unseres Lebens, in denen

wir nicht Jesus Christus, sondern anderen Herren zu eigen wären, Bereiche, in

denen wir nicht der Rechtfertigung und Heiligung durch ihn bedürften.

Ein gerechter Staat wird nicht auf theologische Fantasien aufgebaut, sondern auf vernünftige Gesetze zur Kontrolle der Macht und zur Sicherung der individuellen Freiheiten. 

III. Lasst uns aber wahrhaftig sein in der Liebe und wachsen in allen Stücken

zu dem hin, der das Haupt ist, Christus, von dem aus der ganze Leib

zusammengefügt ist. (Eph 4, l5. 16)

Die christliche Kirche ist die Gemeinde von Brüdern, in der Jesus Christus

in Wort und Sakrament durch den Heiligen Geist als der Herr gegenwärtig

handelt.  

Das Problem ist, dass er eben nicht handelt, sondern die Welt laufen lässt, wie sie ohne ihn auch laufen würde.

Sie hat mit ihrem Glauben wie mit ihrem Gehorsam, mit ihrer

Botschaft wie mit ihrer Ordnung mitten in der Welt der Sünde als die

Kirche der begnadigten Sünder zu bezeugen, dass sie allein sein Eigentum

ist, allein von seinem Trost und von seiner Weisung in Erwartung seiner

Erscheinung lebt und leben möchte.

So reden kleine Kinder von ihrem Wunsch- Papi, auf den sie seit 2000 Jahren warten, auf dass er ihre Probleme endlich löse. Der Mensch ist kein verdammter Sünder, der auf die Gnade eines Gottes angewiesen ist, sondern er kann vernünftig denken und handeln und eine gerechte Ordnung schaffen, wenn ein Gott – was immer das sei – nichts von sich hören und sehen lässt.

Wir verwerfen die falsche Lehre, als dürfe die Kirche die Gestalt ihrer Botschaft

und ihrer Ordnung ihrem Belieben oder dem Wechsel der jeweils herrschenden

weltanschaulichen und politischen Überzeugungen überlassen.

Die Kirche hat sich zu allen Zeiten an die herrschenden Verhältnisse angepasst und sie hat gut davon gelebt.

  1. Jesus Christus spricht: Ihr wisst, dass die Herrscher ihre Völker

niederhalten und die Mächtigen ihnen Gewalt antun. So soll es nicht sein

unter euch; sondern wer unter euch groß sein will, der sei euer Diener.

(Mt 20, 25.26)

Das ist eine wahre Erkenntnis, aber auch ein frommer Wunsch. Die Gewalt der Mächtigen verhindert man am besten durch Gewaltenteilung in einem demokratischen Staatswesen mit mündigen Bürgern, die sich nicht einem Führer, sei es nun Gott oder Hitler, unterwerfen und blind gehorchen wollen, sondern die bereit sind, ihre Rechte und Freiheiten zu verteidigen.

Die verschiedenen Ämter in der Kirche begründen keine Herrschaft der

einen über die anderen, sondern die Ausübung des der ganzen Gemeinde

anvertrauten und befohlenen Dienstes.

Wir verwerfen die falsche Lehre, als könne und dürfe sich die Kirche abseits

von diesem Dienst besondere, mit Herrschaftsbefugnissen ausgestattete Führer

geben und geben lassen.

Das wäre ein gutes Prinzip, aber Kirche war leider immer eine hierarchische Organisation, mit einem absoluten Herrscher ganz oben, der blinden Gehorsam verlangt und kein freies Denken und Kritisieren zulässt,  die katholische Kirche mehr und die evangelische weniger. Auch Luther glaubt, dass die hierarchische Ordnung gottgegeben ist.

  1. Fürchtet Gott, ehrt den König. (1. Petr 2,17)

Die Schrift sagt uns, dass der Staat nach göttlicher Anordnung die Aufgabe

hat in der noch nicht erlösten Welt, in der auch die Kirche steht, nach dem

Maß menschlicher Einsicht und menschlichen Vermögens unter

Androhung und Ausübung von Gewalt für Recht und Frieden zu sorgen.

Die Schrift sagt leider nichts über die Rechte und Freiheiten mündiger Staatsbürger. Sie ist vielmehr die Rechtfertigung für die Herrschaft des Obrigkeitsstaates über seine unmündigen Untertanen. Recht wird von Menschen gemacht. Auch angeblich göttliche Gebote sind menschengemacht, meist von den Mächtigen, Königen, Priestern und Propheten, und meist in ihrem Interesse.

Die Kirche erkennt in Dank und Ehrfurcht gegen Gott die Wohltat dieser

seiner Anordnung an. Sie erinnert an Gottes Reich, an Gottes Gebot und

Gerechtigkeit und damit an die Verantwortung der Regierenden und

Regierten. Sie vertraut und gehorcht der Kraft des Wortes, durch das Gott

alle Dinge trägt.

Der Staat ist nicht Gottes Werk, sondern Menschenwerk. Ein Gott ist gar nicht erkennbar, um nicht zu sagen: Ein Gott ist gar nicht wirklich existent, sondern er ist ein reines Fantasieprodukt, auf das man sich nicht verlassen sollte, beim Kampf gegen eine Diktatur. Gott kann von jedem für seine Zwecke benutzt werden. Er wurde von den Deutschen Christen genauso benutzt wie von der Bekennenden Kirche und von Hitler.

Wir verwerfen die falsche Lehre, als solle und könne der Staat über seinen

besonderen Auftrag hinaus die einzige und totale Ordnung menschlichen Lebens

werden und also auch die Bestimmung der Kirche erfüllen. Wir verwerfen die

falsche Lehre, als solle und könne sich die Kirche über ihren besonderen

Auftrag hinaus staatliche Art, staatliche Aufgaben und staatliche Würde

aneignen und damit selbst zu einem Organ des Staates werden.

Die Trennung von Religion und Staat ist Voraussetzung für das friedliche Zusammenleben verschiedener Weltanschauungen in einem Staat. Sie ist auch Voraussetzung, dass eine Religion nicht vom Staat benutzt wird.

  1. Jesus Christus spricht: Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt

Ende. (Mt 28,20)

Aber er zeigt sich leider nie und greift auch nicht hilfreich in die Geschichte ein. Deswegen müssen Menschen handeln.

Gottes Wort ist nicht gebunden. (2. Tim 2,9)

Der Auftrag der Kirche, in welchem ihre Freiheit gründet, besteht darin, an

Christi Statt und also im Dienst seines eigenen Wortes und Werkes durch

Predigt und Sakrament die Botschaft von der freien Gnade Gottes

auszurichten an alles Volk.

Was soll das wieder heißen? Das ist einfach theologisches Gefasel, das aus dem Glauben an die Unfähigkeit und Verderbtheit des Menschen entstanden ist.

Wir verwerfen die falsche Lehre, als könne die Kirche in menschlicher

Selbstherrlichkeit das Wort und Werk des Herrn in den Dienst irgendwelcher

eigenmächtig gewählter Wünsche, Zwecke und Pläne stellen.

Politik muss sich am Wohlergehen eines Staates und seiner Bürger ausrichten…und sollte auch nicht das Wohlergehen anderer Staaten und seiner Bürger beeinträchtigen. Ein Staat sollte sich nicht an der Erfüllung irrationaler göttlicher Wünsche mit absurden Opferhandlungen beteiligen oder sich am Wohlergehen von Fantasiewesen orientieren, die scheinbar großes Vergnügen daran haben, Rechtgläubige gegen Falschgläubige aufzuhetzen.

Die Bekenntnissynode der Deutschen Evangelischen Kirche erklärt, dass sie in

der Anerkennung dieser Wahrheiten und in der Verwerfung dieser Irrtümer die

unumgängliche theologische Grundlage der Deutschen Evangelischen Kirche als

eines Bundes der Bekenntniskirchen sieht. Sie fordert alle, die sich ihrer

Erklärung anschließen können, auf, bei ihren kirchenpolitischen Entscheidungen

dieser theologischen Erkenntnisse eingedenk zu sein. Sie bittet alle, die es

angeht, in die Einheit des Glaubens, der Liebe und der Hoffnung

zurückzukehren.

Verbum dei manet in aeternum.

Die bekennende Kirche setzte, in ihrem Glauben befangen, auf fantastische Kräfte, auf Gott, Jesus, den heiligen Geist, auf Gebete, Wünsche und Zauberformeln, gegen eine brutal nach Alleinherrschaft strebende Macht. Das konnte nicht gut gehen.

Es fehlten vernünftige Ideen, wie Demokratie und Menschenrechte, die es in der Weimarer Republik längst gab. Letztlich stand die Kirche nicht auf dem Boden der Demokratie, sondern sehnte sich zurück nach dem Gottesstaat unter fürstlicher Herrschaft und einem von ihr abhängigen, unmündigen Volk. Deswegen hatte sie selbst keine wirksamen, überzeugenden Argumente und Mittel gegen die NS- Diktatur. Im Vertrauen auf gute, aber leider nicht existente Mächte, lassen sich Diktaturen nicht abwehren.