Geschichtlichkeit Jesu
War Jesus eine geschichtliche Persönlichkeit?
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Für mich ist die Frage nach der historischen Existenz Jesu keine Glaubensfrage mehr, sondern eine historische. Jesus spielt in meinem Leben keine religiöse Rolle; gerade deshalb kann ich mich ihm vergleichsweise unvoreingenommen nähern. Die glaubwürdigste Quelle für Persönlichkeitsentwicklung ist für mich die eigene Erfahrung – und aus dieser Perspektive erkenne ich erstaunliche Parallelen zwischen meiner eigenen Entwicklung und der Gestalt des galiläischen Wanderpredigers.
Warum ist das Christentum entstanden? Diese Frage ist nicht einzigartig. Man könnte ebenso fragen, warum der Zoroastrismus, der Buddhismus oder der Islam entstanden sind. Meine Antwort lautet: weil eine charismatische Persönlichkeit auf eine Zeit traf, die reif für eine neue Deutung der Welt war. Große historische Gestalten erkennen ihre Aufgabe in den Möglichkeiten ihrer Epoche und geben ihr einen entscheidenden Impuls. Geschichte entsteht nicht im luftleeren Raum, sondern im Zusammenspiel von Persönlichkeit und Zeitgeist.
Eine der stärksten Triebfedern historischer Prozesse ist der Wille zur Macht. Das Christentum wurde maßgeblich von sehr unterschiedlichen Persönlichkeiten geprägt: Jesus, Paulus und Konstantin. Schon diese drei stehen für drei grundverschiedene „Christentümer“. Jesus enttäuschte die messianischen Erwartungen seiner Zeit. Erwartet wurde ein militärischer Befreier, kein pazifistischer Prediger. Dass Jesus diese Rolle nicht erfüllte, spricht eher für seine Historizität: Eine erfundene Figur hätte man problemlos an die Erwartungen angepasst. Eine reale Persönlichkeit aber folgt ihrer eigenen inneren Logik.
Paulus brachte eine völlig andere Prägung ein: dogmatisch, sexualfeindlich, frauenfeindlich, staatshörig und missionarisch aggressiv. Konstantin schließlich machte aus dem religiösen Gemenge ein Herrschaftsinstrument – zur Legitimation der Macht, zur Einigung des Reiches und zur Vertröstung der Massen auf ein Jenseits. Ein solches Wirrwarr planvoll zu konstruieren ist jedoch weit schwieriger, als es organisch entstehen zu lassen. Die innere Widersprüchlichkeit des Christentums spricht eher für gewachsenes Chaos als für eine bewusste Erfindung.
Die Evangelien sind keine neutrale Geschichtsschreibung. Sie verfolgen ein klares Ziel: Jesus als den im Alten Testament angekündigten Messias darzustellen. Ihre Autoren schreiben aus dem Glauben heraus und passen die Überlieferung, wo nötig, an die Weissagungen an. Ortsangaben, Namen und Geburtsgeschichten tragen oft literarische Züge. Doch Dichtung schließt Historizität nicht aus. Dass Jesus „von Nazareth“ genannt wird, obwohl der Messias aus Bethlehem stammen sollte, deutet eher darauf hin, dass er tatsächlich aus Nazareth kam und diese Tatsache theologisch überbrückt werden musste.
Ein entscheidender Motor für den Erfolg des Christentums war die soziale Not der damaligen Zeit. Arme, Kranke, Sklaven und Entrechtete fanden Trost in der Hoffnung auf ein Jenseits, in dem die bestehenden Machtverhältnisse umgekehrt würden. Nicht die Reichen und Mächtigen, sondern die Schwachen sollten dort die Ersten sein. Dieses Versprechen war – und ist – wirkmächtig. Das Christentum ist bis heute ein Trostangebot für all jene, denen das Diesseits wenig Hoffnung lässt.
Die Römerfreundlichkeit der Evangelien bei gleichzeitiger Judenfeindschaft erklärt sich historisch. Sie entstanden nach dem Jahr 70, als klar war, dass das Judentum Jesus nicht als Messias akzeptieren würde. Abgrenzung nach innen ging mit Anpassung nach außen einher. Dass das Christentum dennoch von den Römern verfolgt wurde, spricht gegen die These einer römischen Erfindung. Der Verzicht auf den Kaiserkult und der pazifistische Grundzug der Lehre bedrohten Einheit und Wehrhaftigkeit des Reiches. Edward Gibbon sah im Christentum sogar einen Faktor für den Untergang Roms.
Die Werte des Christentums stehen im scharfen Gegensatz zur römischen Elitekultur: Jenseitigkeit gegen Diesseitigkeit, Demut gegen Ruhm, Sklavenmoral gegen Herrenmoral. Warum sollte die römische Oberschicht eine Religion erfinden, die ihre eigenen Grundlagen untergräbt?
Entscheidend für meine Einschätzung ist jedoch die innere Logik der dargestellten Persönlichkeit. Aus den Evangelien spricht kein übermenschlicher Weiser, sondern eine tragische, widersprüchliche Figur: ein junger Mann mit Größenanspruch, hungernd nach Anerkennung, unfähig zu gleichberechtigten Beziehungen, intolerant gegenüber Ablehnung, konflikthaft gegenüber Familie und Umwelt. Seine Brüder hielten ihn für verrückt. Die Menge schrie: „Wir haben keinen König außer dem Kaiser.“ Er verfluchte Städte, die seine Botschaft ablehnten, und Feigenbäume, die keine Früchte trugen.
Er forderte absolute Hingabe, sprach von Herrschaft, drohte und verfluchte. Er hatte Angst, betete am Ölberg und schwitzte Blut. Das sind keine Züge einer idealisierten Kunstfigur, sondern typische Merkmale eines bestimmten Entwicklungsstadiums starker Persönlichkeiten. Sie sind sehr von sich überzeugt und lösen damit ein Tauziehen aus, die anderen versuchen, sie so klein wie möglich zu machen.
Solche Figuren kennt die Geschichte: Giordano Bruno, Hölderlin, Kleist, Nietzsche, Van Gogh. Zu Lebzeiten verkannt, nach dem Tod verklärt. Starke Menschen lösen ein Tauziehen aus: Entweder sie setzen sich durch und werden zu Tyrannen – oder sie werden gebrochen. Jesus gehört zur zweiten Kategorie. Seine Kreuzigung zwischen Verbrechern, die demonstrative Demütigung, die Freilassung eines Schuldigen – all das passt in dieses Muster.
Die abrupten Umschwünge – vom jubelnden Einzug in Jerusalem zur völligen Ablehnung – sprechen ebenfalls für Historizität. Mythen sind glatt, reale Biographien nicht.
Was wissen wir also über den historischen Jesus? Es gibt keine zeitgenössischen Berichte, keine Biographie, keine eigenen Schriften. Die Evangelien sind Glaubenszeugnisse, keine neutralen Quellen. Paulus, unsere früheste schriftliche Quelle, interessiert sich kaum für das Leben Jesu, setzt seine Existenz jedoch voraus und kennt seinen Bruder Jakobus. Josephus und Tacitus erwähnen seine Hinrichtung beiläufig. Der historische Kern ist schmal, aber stabil: Jesus war ein jüdischer Wanderprediger, verkündete das Reich Gottes, sammelte Anhänger, geriet in Konflikt mit den Autoritäten und wurde gekreuzigt.
Der historische Jesus ist nicht der Christus der Kirchen. Diese Gestalt entstand erst nach seinem Tod. Wir wissen genug, um vermuten zu können, dass Jesus existierte – und zu wenig, um ihn eindeutig zu verstehen. Vielleicht liegt gerade darin seine Wirkungsmacht: Eine reale, unvollkommene, tragische Figur, die nach ihrem Tod zur Projektionsfläche für Macht, Hoffnung, Angst und Erlösung wurde.
Die Geschichte kennt viele Sieger. Jesus war keiner. Und doch hat kaum jemand die Geschichte so nachhaltig geprägt.