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Roland Fakler

Geschichtlichkeit Jesu

War Jesus eine geschichtliche Persönlichkeit?

Für mich ist die Frage nach der historischen Existenz Jesu keine Glaubensfrage mehr, sondern eine historische. Jesus spielt in meinem Leben keine religiöse Rolle; gerade deshalb kann ich mich ihm relativ unvoreingenommen nähern. Die glaubwürdigste Quelle für Persönlichkeitsentwicklung ist für mich die eigene Erfahrung – und aus dieser Perspektive erkenne ich erstaunliche Parallelen zwischen meiner eigenen Entwicklung und der Gestalt des galiläischen Wüstenpredigers.

Warum ist das Christentum entstanden? Diese Frage ist nicht einzigartig. Man könnte ebenso fragen, warum der Zoroastrismus, der Buddhismus oder der Islam entstanden sind. Meine Antwort lautet: weil eine charismatische Persönlichkeit auf eine Zeit traf, die reif für eine neue Deutung der Welt war. Große historische Gestalten erkennen ihre Aufgabe in den Möglichkeiten ihrer Zeit und geben ihr einen entscheidenden Impuls. Geschichte entsteht nicht im luftleeren Raum, sondern im Zusammenspiel von Persönlichkeit und Zeitgeist.

Eine der stärksten Triebfedern historischer Prozesse ist der Wille zur Macht. Das Christentum wurde maßgeblich von sehr unterschiedlichen Persönlichkeiten geprägt: Jesus, Paulus und Konstantin. Schon diese drei stehen für drei völlig verschiedene „Christentümer“. Jesus enttäuschte die messianischen Erwartungen seiner Zeit. Die Juden erwarteten einen militärischen Befreier, keinen pazifistischen Prediger. Dass Jesus diese Rolle nicht erfüllte, spricht eher für seine Historizität: Eine erfundene Figur hätte man problemlos an die Erwartungen angepasst. Eine reale Persönlichkeit aber folgt ihrer eigenen inneren Logik.

Paulus wiederum brachte eine ganz andere Persönlichkeit ein: dogmatisch, sexualfeindlich, frauenfeindlich, staatshörig und missionarisch aggressiv. Schließlich machte Konstantin aus dem entstandenen religiösen Gemenge ein Herrschaftsinstrument: zur Legitimation der Macht, zur Einigung des Reiches und zur Vertröstung der Massen auf ein Jenseits. Wirrwarr zu konstruieren ist jedoch wesentlich schwieriger, als es einfach entstehen zu lassen. Die innere Widersprüchlichkeit des Christentums spricht eher für ein organisches Wachstum als für eine planvolle Erfindung.

Die Evangelien sind keine neutrale Geschichtsschreibung. Sie verfolgen ein Ziel: Jesus als den im Alten Testament angekündigten Messias darzustellen. Ihre Autoren schreiben aus dem Glauben heraus und passen die Geschichte, wo nötig, an die Weissagungen an. Ortsangaben, Namen, Geburtsgeschichten – vieles trägt literarische Züge. Doch auch hier gilt: Dichtung schließt Historizität nicht aus. Dass Jesus „von Nazareth“ genannt wird, obwohl der Messias aus Bethlehem stammen sollte, ist eher ein Hinweis darauf, dass er tatsächlich aus Nazareth kam und man diese Tatsache nachträglich theologisch überbrücken musste.

Ein entscheidender Motor für den Erfolg des Christentums war die soziale Not der damaligen Zeit. Arme, Kranke, Sklaven und Entrechtete fanden Trost in der Hoffnung auf ein Jenseits, in dem die bestehenden Machtverhältnisse umgekehrt würden. Nicht die Reichen und Mächtigen, sondern die Schwachen sollten dort die Ersten sein. Dieses Versprechen war – und ist – wirkmächtig. Das Christentum ist bis heute ein Trostangebot für all jene, denen das Diesseits wenig Hoffnung lässt.

Die Römerfreundlichkeit der Evangelien bei gleichzeitiger Judenfeindschaft erklärt sich historisch: Sie wurden nach dem Jahr 70 geschrieben, als klar war, dass das Judentum Jesus nicht als Messias akzeptieren würde. Die Abgrenzung nach innen ging einher mit Anpassung nach außen. Dass das Christentum dennoch von den Römern verfolgt wurde, spricht gegen die These einer römischen Erfindung. Der Verzicht auf den Kaiserkult und der pazifistische Grundzug der Lehre bedrohten die Einheit und Wehrhaftigkeit des Reiches. Edward Gibbon sah im Christentum sogar einen wesentlichen Faktor für den Untergang Roms.

Die Werte des Christentums stehen im scharfen Gegensatz zur römischen Elitekultur: Jenseitigkeit gegen Diesseitigkeit, Demut gegen Ruhm, Sklavenmoral gegen Herrenmoral. Warum sollte die römische Oberschicht eine Religion erfinden, die ihre eigenen Grundlagen untergräbt?

Entscheidend für meine Einschätzung ist jedoch etwas anderes: die innere Logik der dargestellten Persönlichkeit. Aus den Evangelien spricht kein übermenschlicher Weiser, sondern eine tragische, widersprüchliche Figur. Ein junger Mann mit Größenanspruch, hungernd nach Anerkennung, unfähig zu gleichberechtigten Beziehungen, intolerant gegenüber Ablehnung, konflikthaft gegenüber Familie und Umwelt. Er löste das typische Tauziehen mit seiner Umwelt aus. Seine Brüder hielten ihn für verrückt. Die Juden schrien: Johannes 19:15: „Weg mit ihm, weg mit ihm! Kreuzige ihn! …Wir haben keinen König außer dem Kaiser.“ Er verflucht Städte, die seine Botschaft nicht hören wollen und Feigenbäume, die keine Früchte tragen, wenn der Messias kommt.

Er forderte absolute Hingabe, sprach von Herrschaft, drohte und verfluchte. All das sind keine Züge einer idealisierten Kunstfigur, sondern typische Merkmale eines bestimmten Entwicklungsstadiums starker Persönlichkeiten.

Solche Figuren kennt die Geschichte: Giordano Bruno, Hölderlin, Kleist, Nietzsche, Van Gogh. Zu Lebzeiten verkannt, nach dem Tod verklärt. Starke Menschen lösen ein Tauziehen aus: Entweder sie setzen sich durch und werden zu Tyrannen – oder sie werden gebrochen. Jesus gehört zur zweiten Kategorie. Seine Kreuzigung zwischen zwei Verbrechern, die demonstrative Demütigung, die Freilassung eines Verbrechers – all das passt in dieses Muster.

Die plötzlichen Umschwünge – vom jubelnden Einzug in Jerusalem zur völligen Ablehnung – kenne ich aus eigener Erfahrung. Gerade diese Brüche sprechen für Historizität. Mythen sind glatt, reale Biographien nicht.

Was wissen wir also über den historischen Jesus? Es gibt keine zeitgenössischen Berichte, keine Biographie, keine eigenen Schriften. Die Evangelien sind Glaubenszeugnisse, keine neutralen Quellen. Paulus interessiert sich kaum für das Leben Jesu, setzt seine Existenz aber voraus. Josephus und Tacitus erwähnen seine Hinrichtung beiläufig. Der historische Kern ist schmal, aber stabil: Jesus war ein jüdischer Wanderprediger, verkündete das Reich Gottes, sammelte Anhänger, geriet in Konflikt mit den Autoritäten und wurde gekreuzigt.

Der historische Jesus ist nicht der Christus der Kirchen. Diese Gestalt entstand erst nach seinem Tod. Wir wissen genug, um sicher zu sein, dass Jesus existierte – und zu wenig, um ihn eindeutig zu verstehen. Vielleicht liegt gerade darin seine Wirkungsmacht: Eine reale, unvollkommene, tragische Figur, die nach ihrem Tod zur Projektionsfläche für Macht, Hoffnung, Angst und Erlösung wurde.

Die Geschichte kennt viele Sieger. Jesus war keiner. Und gerade deshalb hat er sie so nachhaltig geprägt.

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Kaum eine Gestalt der Weltgeschichte ist so präsent und zugleich so schwer zu fassen wie Jesus von Nazareth. Er wurde unzählige Male dargestellt, gedeutet, verehrt und instrumentalisiert – und doch bleibt seine historische Kontur unscharf. Die Frage, was wir tatsächlich über den historischen Jesus wissen, führt mitten hinein in das Spannungsfeld von Geschichte, Glaube und späterer Deutung.

Zunächst das Ernüchternde: Es gibt keinen zeitgenössischen Bericht über Jesus. Kein römischer Chronist, kein jüdischer Historiker, kein Verwaltungsdokument erwähnt ihn zu seinen Lebzeiten. Alles, was wir über ihn wissen, stammt aus der Zeit nach seinem Tod, frühestens etwa zwanzig Jahre später. Jesus hinterließ keine Schriften, gründete keine Institution und formulierte kein systematisches Lehrgebäude. Wir kennen ihn nur durch die Stimmen anderer.

Die wichtigsten Quellen sind die Evangelien. Doch sie sind keine Biographien im modernen Sinn. Sie berichten nicht neutral, sondern aus der Perspektive des Glaubens. Ihr Ziel ist nicht Rekonstruktion, sondern Verkündigung. Sie spiegeln einen Glauben wider, der sich erst nach dem Tod Jesu herausgebildet hat. Dennoch sind sie historisch nicht wertlos: In ihnen finden sich ältere Überlieferungen, mündliche Traditionen und Erinnerungsfragmente. Gerade dort, wo sie widersprüchlich sind oder Dinge berichten, die für die junge Kirche unerquicklich waren, werden Historiker aufmerksam – denn was sich schlecht in spätere Theologien einfügt, ist weniger wahrscheinlich erfunden.

Unsere früheste schriftliche Quelle ist Paulus. Er schreibt um das Jahr 50 n. Chr. und kommt dem historischen Jesus zeitlich am nächsten. Auffällig ist jedoch, wie wenig er über dessen Leben sagt. Keine Gleichnisse, keine Wunder, keine Kindheitsgeschichten. Für Paulus ist Jesus vor allem der Gekreuzigte und – im Glauben – der Auferstandene. Doch auch dieses Schweigen ist aufschlussreich: Paulus setzt voraus, dass Jesus gelebt hat, Jünger hatte und hingerichtet wurde. Er kennt Jesu Bruder Jakobus. Er erfindet keine Gestalt – er deutet eine.

Auch außerhalb des Christentums taucht Jesus auf, wenn auch nur beiläufig. Der jüdische Historiker Flavius Josephus erwähnt ihn, der römische Historiker Tacitus berichtet nüchtern, fast verächtlich, dass ein „Christus“ unter Pontius Pilatus hingerichtet wurde. Gerade die Kürze und Sachlichkeit dieser Hinweise macht sie wertvoll. Sie zeigen: Jesus war kein späterer Mythos, sondern eine historische Person, deren gewaltsames Ende registriert wurde.

Was bleibt, wenn man Glaubensdeutung, Legende und spätere Theologie abzieht? Mit hoher Wahrscheinlichkeit lässt sich sagen: Jesus war ein jüdischer Wanderprediger aus Galiläa. Er verkündete das nahe Reich Gottes, sammelte Anhänger, geriet in Konflikt mit religiösen und politischen Autoritäten und wurde gekreuzigt – eine römische Hinrichtungsart für Aufrührer. Gerade die Kreuzigung gilt als besonders gesichert, weil sie alles andere als ein heroischer Tod ist. Eine schmachvolle Hinrichtung eignet sich schlecht zur nachträglichen Verherrlichung.

Alles Weitere bleibt unsicher. Wunder, messianisches Selbstverständnis, Auferstehung – all das gehört in den Bereich des Glaubens, nicht der Geschichtswissenschaft.

Der historische Jesus ist daher nicht identisch mit dem Christus der Kirchen. Er ist kein Gottessohn, kein Welterlöser, kein Teil einer Trinität. Diese Vorstellungen entstehen erst nach seinem Tod, vor allem in der Deutung seiner Anhänger. Das Christentum beginnt nicht mit Jesus, sondern nach Jesus. Zwischen dem galiläischen Prediger und der späteren Weltreligion liegt ein tiefer Bruch.

Am Ende bleibt eine paradoxe Erkenntnis: Wir wissen genug über Jesus, um sicher zu sein, dass er existierte – und zu wenig, um ihn eindeutig zu verstehen. Seine historische Gestalt ist fragmentarisch, sein Nachleben überwältigend. Vielleicht liegt gerade darin seine Wirkungsmacht: Ein Mensch, über den wir so wenig wissen, dass jede Generation ihn neu erfinden konnte – als Erlöser, Revolutionär, Moralprediger oder Symbol des Leidens.

Die Geschichte kennt viele Sieger. Jesus war keiner. Und doch hat kaum jemand die Geschichte so nachhaltig geprägt.