Header Image

Roland Fakler

Gottesvorstellungen

Ein absoluter Herrscher

Der Philosoph Otfried Höffe beschreibt in seinem Essay „Ist Gott demokratisch?“, wie Staat und Religion miteinander auskommen (16. November).

Leserbrief im Tagbaltt 22.11.2022

Beim Gott der Bibel dürften sich seine Erfinder an den babylonischen Gottkönigen und den Pharaonen orientiert haben. Er ist ein absoluter Herrscher. Man kann mit ihm nicht auf Augenhöhe verhandeln oder ihn überstimmen. Er duldet keine anderen Herrscher neben sich, erwartet totale Unterwerfung und blinden Gehorsam von seinen Geschöpfen. Das geht so weit, dass er von einem Vater verlangt, ihm seinen Sohn zu opfern.

Der säkulare Humanismus, den es auch schon in der Antike gab, geht von einem fundamental entgegengesetzten Menschenbild aus. Der Mensch ist das Maß aller Dinge. Wenn er sich keine gerechte Welt schafft, wird es keine geben. Das zeigt sich vor allem bei der Legitimation der Herrschaft. Während die abrahamitischen Religionen dem von Gott bzw. der Priesterschaft legitimierten Herrscher absolute Macht zusprechen – Paulus: „Alle Obrigkeit kommt von Gott“ –, geht in der attischen Demokratie, wenn auch unvollkommen, die Staatsgewalt vom Volke aus. Wenn dieser Gott nämlich von allen möglichen Diktatoren, wie Raisi, Putin, Erdogan, Trump … benutzt werden kann, um ihre Herrschaft zu rechtfertigen, ohne dass er sich dazu äußert, ist er eher ein Problem als eine gute Lösung.

Gottesvorstellungen

Mutmaßungen über nichtexistierende Geister

Navid Kermani las aus seinem Buch „Jeder soll von da, wo er ist, einen Schritt näher kommen“ – und ließ sich von Karl-Josef Kuschel befragen („Gott am Grunde der Quantenphysik“, 19. Mai). Hier werden grundsätzliche Fragen zu Religion und Glauben gestellt.

20.05.2022 Leserbrief im Tagblatt Tübingen

Bei Diskussionen über Gott ist es hilfreich vorab zu klären, was die Teilnehmer unter „Gott“ verstehen, denn es gibt scheinbar so viele verschiedene Vorstellungen von Gott, wie es Gläubige gibt. Das liegt daran, dass sich jeder seinen Gott so zurechtfantasieren kann, wie es ihm hilfreich und nützlich erscheint. Dabei sagt dieses Gottesbild mehr über den Gläubigen, als über Gott.

Braucht jemand Trost, denkt er sich einen gütigen Gott, will er seine Herrschaft rechtfertigen, behauptet er einfach, dass er ein „Herrscher von Gottes Gnaden“ ist, will er Kriege gegen ein anderes Land führen, findet er sicher einen Geistlichen, der genau das als den Willen Gottes interpretiert. Das ist möglich, weil Gott sich in Rätsel hüllt und sich zu allem wortlos ge- und missbrauchen lässt. Die „Heiligen Schriften“ sind ebenfalls ein Gemischtwarenladen mit guten und giftigen Früchten, in dem sich jeder gemäß seinen Wünschen bedienen kann.

Ob es also hilfreich und nützlich ist, auf ein Wesen zu vertrauen, das einem Romancier zwar viel Spielraum zum Bücherschreiben bietet, aber eben kaum klare Anhaltspunkte für vernünftige Entscheidungen in der wirklichen Welt, mag jedem selber überlassen sein.