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Roland Fakler

Über mich

von Roland Fakler

Kindheit

Ich wurde im Frühjahr 1953 in einem kleinen Dorf in Oberschwaben geboren, frühmorgens um sechs Uhr, über der Backstube. Mein Vater war selbständiger Bäckermeister. Von Wundern und Zeichen wurde mir nichts berichtet, ich nehme aber an, dass den Sterndeutern und Märchenerzählern dazu noch etwas einfallen wird. Ich habe noch zwei Brüder, einer der drei Jahre älter ist und einen der ein Jahr jünger ist.

Da ich mich schon früh zu Höherem berufen fühlte und die lärmende Atmosphäre im heimischen Haus meine Träume störte, drängte ich meine Mutter, mich mit neun Jahren in ein Schülerheim nach Kempten zu schicken. Meine Enttäuschung war groß, fast alles war anders als ich es mir ausgemalt hatte. Doch es gab keinen Weg mehr zurück. – Jedenfalls sah meine Mutter das so.

Schülerheim

Ich hatte dort viele Freunde, auch einen „Busenfreund,“ so nannten die anderen uns, weil wir unzertrennlich waren. Wir hörten das gern. Mein bester Freund war aber später immer mein jüngerer Bruder, der mir bald ins Schülerheim folgte. Das Schülerheim wurde von katholischen Priestern geleitet. Wir mussten viel beten. Das hat mir wohl meinen Glauben ausgetrieben, denn wenn ich etwas musste, dann tat ich gerade das Gegenteil, um zu beweisen, dass ich gar nichts muss, was ich nicht will. Mit zehn Jahren, ich war inzwischen auf dem Gymnasium, erlebte ich eine schwere Krise. Ich betete, aber Gott antwortete nicht. Ich machte regelrechte Versuche, um zu testen ob dieser Gott nun wirklich da ist oder nicht. Schließlich kam ich zu dem Schluss, dass die Menschen sich diesen Gott nur wünschen. Ich spürte auch, dass ich mein Glück nicht in der Welt, sondern in mir, in meinen Gedanken und Träumen finde. Wenn meine Freunde ins Kino gingen, blieb ich oft daheim und träumte mir meinen Film. Ich träumte von einer Insel auf der ich der König war. Dort regierte ich, führte Kriege gegen Feinde, baute Paläste und musste Gesetze erlassen. Dieser Tagtraum dauerte monatelang. Die Freunde aus der Stadt fragten mich manchmal, warum ich sie nicht besuche. Ich konnte ihnen keine rechte Antwort geben, ich spürte nur, dass es angenehmer war, bei mir zu sein und dass ich mich dabei entwickle. „Stille Wasser gründen tief,“ bemerkte damals ein Lehrer und schaute mich an. Ich glaubte nichts mehr und ich wollte auch anders leben: nicht nach außen, sondern nach innen, doch ich musste die Erwartungen meiner Eltern und meiner Lehrer erfüllen. Erst mit zweiundzwanzig Jahren war ich stark genug, meinen Weg zu gehen. Bis dahin versuchte ich mehr oder weniger widerwillig, den Erwartungen zu genügen, die andere an mich stellten.

Leutkirch

Mit sechzehn Jahren verließ ich das Schülerheim zusammen mit meinem jüngeren Bruder. Wir besuchten nun das Gymnasium in Leutkirch und wohnten die nächsten vier Jahre bis zum Abitur wieder in unserem Elternhaus. In dieser Zeit habe ich alle Bücher gelesen, die als ketzerisch galten: Nietzsche, Schopenhauer, Russell, Feuerbach, Freud, auch griechische Philosophen wie Epikur und Plutarch….gleichsam als Gegenpol zu dem, was ich hinter mir hatte. In dieser Gesellschaft fühlte ich mich wohl. Ich durfte mir alle Bücher kaufen, die ich wollte und das habe ich getan. Geschichte und Philosophie haben mich interessiert, Kunst erst später. Ich hatte das Bedürfnis, mir alles bewusst zu machen und begann zu diesem Zweck ein Tagebuch mit Gedanken und Aphorismen zu schreiben. Denken war meine erste Leidenschaft. Bald kamen auch Gedichte hinzu, denn ich war sehr verliebt. Dass das mit der Liebe aber viel schwieriger war als ich es mir vorgestellt hatte, wurde mir auch bald klar. Meine Freundin war wohl nicht so in mich verliebt, wie ich es mir gewünscht hätte, während ich sehr heftig in ein maßlos idealisiertes Traumbild von ihr verliebt war. Das Problem lag in mir, um es zu lösen, musste ich mich entwickeln. Ich beschloss, meine Jugend zu opfern für ein höheres Glück im reifen Alter. Was für andere Vergnügen war, war für mich sinnlose Zeitverschwendung. Mein Vergnügen war es, an meiner Vervollkommnung zu arbeiten, liebenswürdiger und liebesfähiger zu werden. Ich wollte bei mir bleiben und meine Freundin wollte ihre Jugend auskosten. Was für ein junges Mädchen im schönsten Alter verständlich ist. Nach vier Jahren, als sie schon ihr Studium in Heidelberg aufgenommen hatte, kam es schließlich zum Bruch. Der war schmerzlich, aber auch befreiend, denn von nun an konnte ich meine ganze Zeit in mein Lebensziel investieren, – mich von einem Jüngling zu einer liebenswürdigen Persönlichkeit zu entwickeln, – Mensch werden.

Mein Ziel

Durch das Studium der Geschichte war mir klar geworden, dass die ganze Misere der Weltgeschichte eigentlich darin begründet liegt, dass diejenigen, die die Weltgeschichte entscheidend geprägt haben, die Herrscher, Diktatoren, Ideologen und auch die Künstler und Religionsstifter nicht groß genug waren, um etwas Gutes machen zu können, d.h. sie waren nicht so groß, dass man hätte zu ihnen kommen können, dass man sie hätte haben wollen. Sie wirken nicht befreiend, sondern bedrückend. Sie wirken nicht tolerant, sondern diktatorisch. Sie wollten die Gleichschaltung aller Gehirne, nicht den mündigen Menschen. Ich fühlte mich stark genug, dieses Ziel erreichen zu können. Nietzsche gab mir dafür entscheidende „Fingerzeige“. Ich müsste mich aus der Gesellschaft in die Einsamkeit begeben und alle enttäuschen, die von mir eine bürgerliche Karriere erwartet haben.

Damals verstärkten sich auch meine Kopfschmerzen, die ich schon in der Kindheit manchmal hatte, wenn ich meine Energie nicht auf irgendeine Weise, sei es nun durch Sport, Balgereien mit Freunden oder mit zunehmendem Alter durch geistige Arbeit abreagieren konnte. Ich musste täglich meine Energie verbrauchen, um den Druck von meinem Kopf zu nehmen, ähnlich wie wenn man aus einem Luftballon die Luft herauslässt.

Das zentrale Problem meiner Jugend war: Wohin mit dieser Energie. Ich wollte ja nicht einfach Radau machen, dazu war ich viel zu geistig veranlagt. Ich wollte meine Energie möglichst sinnvoll einsetzen, kreativ sein und Künstler werden, weil ich zudem Gefühle, Träume und Gedanken hatte, die verarbeitet werden mussten. Ich wollte etwas Sinnvolles machen, das Wert und Bestand haben würde. Ich wollte meine Stärke in Persönlichkeit umsetzen und ein selbstbestimmtes, unabhängiges Leben führen, wie die Philosophen im alten Griechenland. Niemand sollte mehr über mir stehen, außer dem Schicksal. Ich wollte kein Anhänger, sondern ein selbstgesteuertes Fahrzeug mit Eigenmotor; ein Freidenker, ein Humanist, ein souveränes Individuum innerhalb einer freiheitlichen Demokratie sein. Ich wollte Verantwortung übernehmen und die Welt mitgestalten.

Bundeswehr

Ich ahnte auch, dass das Leben bei der Bundeswehr, die nun vor mir lag, für mich zur Katastrophe werden würde. Nicht weil ich etwas gegen die Bundeswehr gehabt hätte, sondern weil ich spürte, dass ich kein normales Leben führen konnte. Es eignet sich nicht jeder dazu, Soldat zu werden. Man kann auch nicht jeden zum Metzger oder zum Pfarrer machen. Zu einem Beruf gehört eine Eignung und Neigung. Zunächst versuchte ich Zivildienst zu leisten, wurde aber nicht anerkannt. Dann meldete ich mich freiwillig zu den Sanitätern in der Meinung, dass dies wohl das kleinste Übel wäre. Es kam schlimmer als ich dachte. Das Schlimmste war: dumme Befehle von beschränkten Leuten entgegenzunehmen oder sie gar ausführen zu müssen; acht Mann auf einer Bude; keine Ruhe mehr zum Denken, Träumen und Lernen. Zigarettengestank, Saufgelage und dummes Geschwätz den ganzen Tag; sinnlos die Zeit totschlagen; nicht an meiner Menschwerdung, an meiner Bildung, an meiner Entwicklung arbeiten können. Ständige Kopfschmerzen quälten mich, weil ich meine Energie nicht abreagieren konnte. Wem hätte ich das erklären sollen? Ich konnte es mir selber nicht erklären. Nun gab es die Bestimmung: Wer einen Platz in Medizin an einer Universität bekommt, wird sofort freigestellt. Das war eine Chance da rauszukommen. Ich bewarb mich um den Platz und habe ihn, weil ich ein gutes Abitur gemacht habe, bald bekommen. Damit war die Bundeswehr für mich nach zehn Monaten zu Ende. Ich habe aber nicht an der Uni studiert, sondern drei Bücher geschrieben. Ich wollte Schriftsteller werden. Natürlich würde es finanzielle Probleme geben, aber Geld war für mich noch nie ein Grund etwas zu tun oder zu lassen. Geld war für mich ein Mittel zum Zweck, nämlich zu dem Zweck, dass ich all meine Kraft und Zeit auf mein Ziel: meine Entwicklung verwenden konnte. Es gibt genug Geld auf der Welt, aber es gibt zu wenige, die etwas Vernünftiges damit anfangen können. Vorläufig würde ich mich auf meine Eltern verlassen können.

Tauziehen

Damals, während und nach meiner Bundeswehrzeit begannen die anderen Menschen mir zunehmend Streiche zu spielen. Das menschliche Gehirn ist ganz verrückt eingerichtet. Wenn einer sehr stark ist, löst er ein Tauziehen aus. Die anderen versuchen ihn so klein wie möglich zu machen. Das ist aber nicht böse gemeint. Sie können kaum anders reagieren. Sie reagieren alle gleich oder ähnlich und es sieht so aus als ob sie sich abgesprochen oder sich gegen mich verschworen hätten. Ein Starker wirkt, – solange er noch nicht groß genug ist – diktatorisch und bedrückend auf andere. Das Problem liegt in ihm, nicht bei den anderen. Man will ihn nicht. Und man zeigt ihm dies. Die Gefahr ist nun, dass man diese abweisenden Reaktionen falsch versteht, dass man sich verfolgt und bedroht fühlt und anfängt zurück zu bolzen. Das ist eine verzweifelte Situation. Aber schuldig ist da niemand, wenn man die Natur nicht für schuldig erklären will. Wie soll man reagieren, wenn einem alle Leute alle möglichen Streiche spielen, wenn sie vor einem davonlaufen, wenn man überall abgelehnt wird, wenn sie immer das Gegenteil von dem tun, was man sich wünscht, wenn sie einem alle möglichen falschen Ratschläge geben? Sie haben alles getan, um mir zu zeigen, wie klein und nichtig ich bin und wie wichtig und bedeutend dagegen alle anderen sind. Aber ich bolze und holze nicht. Ich schreie nicht mal, ich denke und je mehr ich denke desto weniger Grund sehe ich zum Schreien. Ich darf diese Streiche nicht als böswillige Handlungen auffassen, sondern als Signale, die sagen wollen: „Du bist es noch nicht, man kann noch nicht zu dir kommen, du musst noch weiter an dir arbeiten!“ Wenn man maßvoll ist mit seinen Reaktionen, sind auch die anderen maßvoll, denn meist ist es der Starke, der durch sein Verhalten die Spielregeln bestimmt. Am Verhalten anderer mir gegenüber sehe ich, wo ich stehe in meiner Entwicklung, – wie in einem Spiegel, denn die Reaktionen ändern sich, wenn ich mich entwickle. Zum Glück ist das menschliche Gehirn so veranlagt, dass es bei Dauerreizung ganz einfach abschaltet. Außerdem habe ich ein Filter im Gehirn, das bewirkt, dass ich nicht wahrnehme, was mich nicht interessiert oder gar schikaniert. Sie gaben mir alle möglichen falschen Ratschläge und ich musste sie in den Wind schlagen und das Gegenteil tun. Glücklicherweise habe ich die Fähigkeit auch dann noch alles richtig zu machen, wenn ich fürs Falschmachen einen Preis bekäme. War das der „Kampf der Herde gegen die Ausnahmen“, wie ich es bei Nietzsche gelesen hatte? Nietzsche war für mich zum wichtigsten Philosophen geworden, obwohl er auch viel Unsinn geschrieben hat. Ich witterte, dass ich ein ähnliches Schicksal haben würde. Ich fand bei ihm Hinweise wie ich mein Leben leben wollte. Um dem ständigen Hickhack zu entfliehen, musste ich mich in die Einsamkeit zurückziehen. Ich wusste, dass gerade die größten Künstler zu ihren Lebzeiten etwas Ähnliches erlebt hatten (Mozart, Cezanne, usw.), viele sind in den Alkohol geflüchtet (Toulouse Lautrec, Modigliani), viele sind in geistige Umnachtung gefallen (Hölderlin, Nietzsche usw.) und viele haben sich das Leben genommen (Van Gogh, Kleist, usw.). Nach ihrem Tod sind sie dann gefeiert worden. Früher konnte ich mir diese Schicksale nicht erklären, jetzt konnte ich es. Ich musste etwas anders machen: nämlich ganz konsequent die Einsamkeit wählen und mich auf mich konzentrieren; so entwickle ich mich am schnellsten. Etwas Besseres kann ich für meine Entwicklung, für meinen Durchbruch und für die Qualität, d.h. für die Anziehungskraft meiner Produkte nicht tun.

Tübingen

Nun war ich Student in Tübingen, aber ich studierte nicht das Fach in dem ich eingeschrieben war. Noch vor Ende des Semesters gab ich das Studium der Medizin offiziell auf, was für meine Eltern wohl ein ziemlicher Schock war. Irgendwann muss man aber den Kurs seines Lebens selber bestimmen, dachte ich mir und handelte. Die entscheidende Weiche in meinem Leben war gestellt, die Zukunft war völlig ungewiss. Jetzt hatte ich mir die Lebensbedingungen erkämpft, die ich mir seit frühester Kindheit gewünscht hatte. Es war, als ob ich ins Feuer springen würde in dem Bewusstsein, stärker wieder herauszukommen. Leben ist nicht nur Spaß und Jagd nach dem schnellen Genuss, Leben bedeutet auch Schmerzen, Entbehrungen, Enttäuschungen, Anstrengungen auf sich nehmen, – auf dem Weg zu einem höheren Glück. Wenn ich mich nicht so willensstark gefühlt hätte, wenn ich nicht so von mir überzeugt gewesen wäre und wenn ich eine andere Wahl gehabt hätte, hätte ich diesen Schritt wohl nie gewagt. – Und wenn ich gewusst hätte, was in den nächsten Jahrzehnten an Ablehnungen und Enttäuschungen auf mich zukommen würde, wäre ich wohl gänzlich verzweifelt. Trotzdem habe ich diesen entscheidenden Schritt meines Lebens nie bereut. Für mich war es der einzig richtige Weg; ich hatte gar keine andere Wahl. Man könnte sagen: Das war mein Schicksal und ich musste es nehmen. Ich wohnte in einer Studentenbude, die von einer Witwe vermietet wurde. Unendliche Einsamkeit und eine ungewisse Zukunft stachelten meinen Schaffenstrieb an.

Meine Bücher

Zuerst schrieb ich einen Heldenroman, in dem es vor allem um Kampf, Krieg und Tod ging. Schließlich hatte ich selber gerade meinen schwersten Kampf zu kämpfen. Mein Gehirn wurde in Tag- und Nachtträumen von Kampf und Gewaltszenen beherrscht, außerdem hatte ich einen maßlosen Größenwahn, der zum Teil sicher dadurch ausgelöst wurde, dass ich mich ständig behaupten musste. Stärke macht selbstbewusst und wenn man sehr viel davon hat, wird man überheblich. Ich konnte diese Phase nicht überspringen; ich musste hindurch. Aus der Geschichte wusste ich, dass sich die Starken aufgeführt hatten wie die Irren; nun konnte ich mir das auch noch erklären. Ich habe mir aber vorgenommen, alles anders und besser zu machen als die „Großen“ der Weltgeschichte. Ich glaube, dass ich auch ein sehr unglücklicher Mensch wäre, wenn ich so viel Unheil anrichten würde wie Cäsar oder Napoleon oder Hitler. Ich machte mir Gedanken darüber, wie ich richtig handeln und kämpfen wollte, was erlaubt war und was nicht. In der Schule hatten wir das nicht gelernt. Damals terrorisierte gerade die Rote-Armee-Fraktion die Bundesrepublik. Mich ekelte der Terror derer die behaupten, dass das Ziel die Mittel rechtfertigt. Jeder glaubt doch, dass sein Ziel das wichtigste auf der Welt ist. Wenn alle Leute Bomben legen würden, um ihre Ziele oder Wahnsinnsideen zu verwirklichen, wäre das das absolute Chaos. Ein Held unterscheidet sich von einem Terroristen eben dadurch, dass ihm nicht jedes Mittel recht ist.

In der Kindheit haben wir natürlich nicht Gandhi gespielt, sondern Cowboy und Indianer, die gegeneinender Krieg führen. Irgendwie steckt der Aggressionstrieb eben im Menschen drin. Aufgabe der Erziehung müsste es sein, ihm eine sozialverträgliche Richtung und Form zu geben. In der Schule haben wir das Nibelungenlied, die Ilias von Homer und in Latein „De bello gallico“ (über den gallischen Krieg, von Cäsar) gelesen. Privat habe ich in meiner Kindheit auch Heldensagen und Indianergeschichten gelesen. Also war es nur selbstverständlich, dass mein erstes Buch, das ich in Tübingen geschrieben habe, auch ein Heldenroman war. Es waren etwa hundert Seiten Prosa, die ich in wenigen Wochen niedergeschrieben habe. Es war eine Summe all dessen, was ich bis dahin an Literatur aufgenommen hatte und es war auch ein biographisches Werk. Ich habe es vielen Verlagen angeboten und ebenso viele Ablehnungen erhalten. 2007 habe ich es bei Books on demand verlegt.

Mein zweites Buch war ein dreihundert Seiten starkes Epos über Julius Cäsar in Versen. Ich war Lateinschüler und kannte seine Geschichte. Es war ein lehrreicher Stoff und eine interessante Lebensgeschichte. Vorbild war Schiller‘s Wallenstein. Dabei sympathisiere ich keineswegs mit Cäsar,- im Gegenteil. Er war eben gerade einer von diesen „Großen“, die ihre Stärke nicht in Persönlichkeit umgesetzt haben, sondern deren Stärke und Machtgier zum Verhängnis für ein ganzes Volk und seine Nachbarn wurde. Wenn er allerdings gewartet hätte, bis man ihn wollte, würde er heute immer noch warten; er war nicht so groß, dass man ihn wollte, er wirkte diktatorisch und bedrückend, – sonst hätte man ihn nicht ermordet. Er wäre ein relativ unbekannter Mann geblieben, wenn er nicht die Macht mit Gewalt an sich gerissen hätte. Ich suchte eine Möglichkeit mich zu bewähren, meine Energie und meine Aggressionen abzureagieren; nicht mit Ballerspielen, wie es die heutige Computergeneration tut, sondern mit einem Buch und markigen Versen; das war eben meine Art. 2007 habe ich das Buch bei Books on demand verlegt.

Mein drittes Buch handelte von einem Weisen, der einsam auf einem Berg lebt. Vorbild war Nietzsches „Zarathustra“. Es ist auch in Versen geschrieben. Ich finde das heute alles sehr unreif. Mit zweiundzwanzig ist man kein Weiser. Man braucht dazu Lebenserfahrung, Alter und viele viele Enttäuschungen. Die kamen nun am laufenden Band.

Malerei

Da begann ich eine alte Neigung aus meiner Kindheit und Jugendzeit neu zu beleben. Ich fing wieder an zu zeichnen und zu malen. Ich stellte sogar bald fest, dass dies eine viel bessere Methode war, meinen täglichen Energiestau und meine Kopfschmerzen abzubauen als das Schreiben. Meine Anatomiebücher, die ich fürs Medizinstudium gekauft hatte, dienten mir als Vorlage für Anatomiezeichnungen. Ich kaufte mir Zeichnen- und Mallehrbücher. Natürlich hätte ich ein offizielles Kunststudium anfangen können, aber dann hätte ich ein ganz anderes Leben führen müssen. Ein Leben nach außen und nicht nach innen. Ein Leben, bei dem ich wieder Kopfschmerzen haben würde und mich auch nicht so schnell zu einer Persönlichkeit entwickelt hätte wie jetzt bei meiner seltsamen, einsamen Lebensweise. Eigenwillige Geister lassen sich nicht gerne schleusen, das dürfte der Grund dafür sein, dass so viele von ihnen die Schule oder das Studium abgebrochen haben und auf eigene Faust studiert haben was sie für studierenswürdig hielten. Ich war davon überzeugt, dass der Wert eines Kunstwerkes nicht so sehr davon abhängt, wie gut oder schlecht einer malen kann, sondern vor allem davon, wie viel Persönlichkeit der hat, der es gemacht hat. An dieser Werteskala gemessen war ich auf dem besten Weg. Sonst müsste man ja die ganze moderne Kunst seit Van Gogh, Cezanne, die Expressionisten, Picasso usw. für wertlos erklären. Eigenwillige Maler gehen eigene Wege und haben eine eigene Handschrift. Die entspricht oft nicht den Erwartungen der Kunstkonsumenten, eben weil sie neu, einmalig, individuell ist. Natürlich waren die Bilder nicht schön, die ich damals, während meiner Kampf- Krieg -Todphase malte. Ich malte wie es mir Spaß machte: riesige, expressionistische Ölschinken. Wieder waren es Kampf- und Gewaltszenen. In dieser Welt lebte ich damals. Da musste ich einfach hindurch. Ich spürte immerhin fast täglich, dass sich etwas änderte an meinem Gehirn, dass alles allmählich schöner, besser, freundlicher, liebenswürdiger wurde. Ich war auf dem richtigen Weg.

Ein Künstler darf nicht allen Leuten gefallen wollen, das wäre völlig geschmacklos. Ich sehe meine Bestimmung nicht darin, den Affen für ein gelangweiltes Publikum zu spielen, sondern an meiner Menschwerdung zu arbeiten und geistige Führung anzubieten. Ich will von mir überzeugt sein. Wenn ich allen Leuten gefallen wollte, würde ich mir selber nicht mehr gefallen. Der Kunstmarkt ist eine völlig irrationale Sache. Es gibt auch kaum ein anderes Thema über das sich so glänzender und hochtrabender Blödsinn reden ließe wie über Kunst, – vielleicht noch über Theologie. Frei ist man erst, wenn man es nicht mehr nötig hat zu gefallen und anzukommen. Ich male Bilder, die mir am Herzen liegen, nicht Bilder, mit denen ich irgendwo ankommen will. Es ist mir lieber, der zu bleiben, der ich bin, auch um den Preis, nicht erfolgreich zu sein. Man muss mich so nehmen wie ich bin, aber man muss mich nicht nehmen.

Entscheidend ist letztlich, dass ich eine handschriftliche Struktur schaffe. Die Hand wird über das Auge vom Gehirn gelenkt. Wenn ich eine handschriftliche Struktur schaffe, entsteht ein Abdruck meines augenblicklichen Gehirnzustandes. Dieser Abdruck ändert sich, wenn ich mich zu einer Persönlichkeit entwickle. Er wirkt anziehender. Das ist das, was meiner Ansicht nach den Wert meiner Bilder ausmacht. Das Matschen und Strukturieren mit Farbe ist es, das mir so viel Vergnügen am Malen bereitet. Zeichnen finde ich weniger sinnlich und aufregend. Man sollte auch nicht fragen, wie lange ich brauche, um ein Bild zu malen. Man sollte fragen, was ich hinter mich bringen musste, um es malen zu können. Heute ist die Malerei, mit der ich Harmonie und Schönheit schaffen möchte, für mich ein Gegenpol zu meiner Beschäftigung mit der schrecklichen Geschichte.

Frauen

1976 zog ich um, von Tübingen aufs Land, nach Reusten, einem malerischen Dorf. Dort fand ich bei einer alten und guten Frau eine billige und ruhige Wohnung. Es ging mir von Jahr zu Jahr besser. Meine Kopfschmerzen wurden schwächer, Kampf- und Gewaltszenen lagen bald hinter mir. Ich malte gefälligere, liebenswürdigere Bilder. Ich fühlte, wie in mir eine innere Wärme und fast grenzenlose Liebe wuchs. Ich sehnte mich nach Liebe, von frühester Kindheit an. Ich verliebte mich auch oft, allein man konnte nicht zu mir kommen. Wenn ich normal gewesen wäre, hätte es gute Chancen gegeben zu heiraten, ich war jedoch nicht normal. Eine Frau wäre mein Ende gewesen. Ich hätte mich nicht mehr auf mich konzentrieren können. So blieb es meist bei schmachtenden Blicken und traurigem Verzicht. Ich suchte in Frauen immer einen Kristallisationskern, um den sich meine Träume rankten. Frauen zu malen und von Frauen zu träumen ist schön, die Wirklichkeit ist eher ernüchternd. Die Richtige geheiratet zu haben mag ein Glück sein, die Falsche nicht geheiratet zu haben, ist sicherlich auch eins. Ich wollte nicht mein Leben lang abgelehnt werden wie Cezanne oder Van Gogh. Ich wollte von mir überzeugt sein und dazu brauchte ich meine Ruhe. Auch Picasso war mit einundneunzig Jahren nicht so groß, dass man hätte zu ihm kommen können. Bei einer normalen Lebensweise hat man keine Chance dieses Ziel zu erreichen, dazu gehört eine ganz extreme Lebensweise. Alles was ich bin habe ich meiner Einsamkeit und meinen eisernen Prinzipien zu verdanken.

Musik

Bei meiner seltsamen Lebensweise, mit verstopften Ohren auf dem Rücken liegend, hörte ich vor meinem inneren Ohr regelmäßig Musik. Diese Musik wollte ich festhalten. Ich kaufte mir eine Heimorgel und paukte mit einer neuen Notenschrift (Klavarskribo) einen Kurs über Komposition und Orgelspiel durch. Eines hatten wir in dem Schülerheim gelernt: wie man selbständig lernt. Es entstanden über 200 Melodien, die ich später mit Hilfe des Computers zu Songs mit verschiedenen Begleitspuren arrangierte und auf CD brannte.

Wer ich bin

Letztlich hängt mein Durchbruch gar nicht davon ab, wie und was und ob ich etwas herstelle, – hergestellt habe ich ja wirklich genug, – sondern er hängt einzig und allein davon ab, ob ich es schaffe, so groß zu werden, dass man zu mir kommen kann, bzw. dass man mich will. Erst dann kann ich etwas machen, was Wert und Bestand hat. Um das schaffen zu können, brauche ich Stille und Zurückgezogenheit. Ich entwickle mich gar nicht, wenn ich male oder Keyboard spiele. Das Gegenteil ist der Fall; je mehr ich male, desto langsamer entwickle ich mich, weil ich beim Malen Energie verschwende, die mir dann bei meiner Entwicklung fehlt. Die stärkst mögliche Lebensweise, die ich mir denken kann, sieht so aus, dass ich mit verstopften Ohren auf dem Rücken liege und meine Gedanken um mich und meine Existenz kreisen lasse. Das ist auch die Lebensweise, bei der ich mich am schnellsten zu einer Persönlichkeit entwickle. In dieser Lage ist mein Gehirn so angespannt, wie das im Stehen und Sitzen gar nie der Fall ist. Wenn ich so leben würde, wie die Künstler alle leben, hätte ich nicht die geringste Chance meinen Durchbruch vor meinem 100. Geburtstag zu schaffen.

Ob Einsamkeit etwas Trauriges oder etwas Angenehmes ist, hängt davon ab, wer man ist. Mir ist es nie langweilig gewesen mit mir. Einsam erlebt man das Leben bewusster, weil man ständig in Gedanken versunken ist und niemand stört. Ich habe zwar ein sehr eingeschränktes und entbehrungsreiches Leben gehabt, aber auch ein sehr besinnliches. Das wollte ich immer so. Ich habe all meine Kraft und Zeit darauf verwenden können, mich selbst zu verwirklichen. Das ist ein schweres Glück, aber das ist das wahre Glück. Es ist eine psychische Leistung. Es ist der Preis für die Unsterblichkeit. Ich bin zu unendlicher Vervollkommnung fähig, wenn ich nur bei mir bleibe. Wer ich bin erfahre ich am besten, wenn ich wochenlang einsam lebe und mich dabei am wohlsten fühle. Ohne Einsamkeit gibt es keine Größe. Der beste Beweis dafür ist, dass es noch keiner geschafft hat so groß zu werden, dass man hätte zu ihm kommen können. Oder wer hat das geschafft? Ich kann keinen Namen nennen.

Ich werde den Begriff der Schwaben vom Schaffen wohl gründlich durcheinander bringen, wenn ich schaffen nicht mit Keuchen, Stöhnen, Schnaufen und heftigen Armbewegungen in Verbindung bringe, sondern behaupte, dass am meisten geschafft ist, wenn ich es schaffe, mich zu einer Persönlichkeit zu entwickeln und dass das am schnellsten geht, wenn ich mit verstopften Ohren auf dem Rücken liege und meine Gedanken kreisen lasse. Ein Erfolg ist es für mich, wenn ich abends eine größere Persönlichkeit bin als morgens. Der Weise darf sich nicht am Glück des Normalos orientieren, sondern muss seiner inneren Stimme folgen. Ich habe den Trieb kreativ zu sein und ich fühle mich wohl in der Welt, die ich hervorgebracht habe. In erster Linie schmiede ich mein Werk für mich. Ich möchte mir eine geistige Heimat schaffen, in der es angenehm ist zu sein und ich möchte andere Anteil haben lassen an dieser Welt. Ich möchte zeigen wer ich bin, nicht andere so machen wie ich bin. Es geht mir darum, einen Menschen und seinen Weg zu zeigen, in der Hoffnung, dass das für andere, die ähnlich beschaffen sind, ein Wegweiser sei und für die, die diesen Weg nicht gehen können und wollen, – wer will das schon, – zur Aufklärung und Erklärung diene. Ich würde weniger sagen, dass ich ein Maler bin oder ein Komponist oder ein Philosoph, sondern ich bin ein Mensch, der malt, komponiert und denkt. Nach meinem Beruf und meinem Glaubensbekenntnis gefragt würde ich sagen: Hauptberuflich bin ich Mensch und zwar bin ich der Roland Fakler; in meinem Bekenntnis bin ich ein überzeugter Faklerianer, – auch wenn ich der erste, der letzte und der einzige wäre.

Das eigentliche Wunder ist, dass ich bei meiner Lebensweise nicht verrückt, sondern stärker geworden bin. Wenn Kolumbus vierzig Jahre gesegelt wäre, ohne Land zu sehen, hätte er wohl mal an seinem Kurs gezweifelt, – dagegen habe ich nie an meinem Kurs gezweifelt. Die Fähigkeit, die falschen Ratschläge und Urteile anderer Leute in den Wind zu schlagen, war eine der wichtigsten Eigenschaften, um meinen Weg sicheren Schrittes zu gehen. Glück ist die Zufriedenheit über ein gelungenes, selbstbestimmtes Leben. Jedoch hat wohl jeder das Bedürfnis nach Anerkennung durch andere. Vielleicht gelingt es mir ja noch, auch anderen das Wohlbehagen an meiner Welt zu vermitteln.

Fortsetzung folgt irgendwann.


Copyright © November 1999 Roland Fakler