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Roland Fakler

Blut und Tränen

Leserbrief im Tagblatt am 2011-12-10

Blut und Tränen

Dritte und damit letzte Runde eines privaten Glaubensdisputs.

Lieber Herr P., ewiges Leben hat die Natur nicht vorgesehen. Das ist leider nur ein frommer oder eitler Menschheitswunsch. Ich vertraue da lieber auf meine Vernunft und meine naturwissenschaftlichen Erkenntnisse als auf heilige Texte. Es gab und gibt nämlich sehr viele heilige Texte, die sich alle gegenseitig ausschließen. Deswegen gibt es so viele verschiedene Religionen und Götter. Auch die Bibel, das Alte und das Neue Testament, ist eine sehr willkürliche Auswahl von dutzenden von Texten. Eine Generation lang wurde das Evangelium mündlich in aramäischer Sprache überliefert, aufgeschrieben wurde es frühestens im Jahre 70 in griechischer Sprache, es wurde x-mal kopiert und manipuliert. Ende des 4. Jahrhunderts gab es mindestens 100 verschiedene christliche Sekten, die sich auf verschiedene Texte beriefen. Von der herrschenden katholischen Kirche wurden willkürlich Texte ausgewählt, die unpassenden verboten und vernichtet. Die gewalttätigen Sieger der Geschichte, das ist die katholische Kirche und der Islam, haben den Menschen ihren Glauben diktiert. Jeder versucht mit himmlischen Versprechungen und höllischen Drohungen so viele Anhänger wie möglich zu gewinnen. Wer an Jesus als Sohn Gottes glaubt, gilt bei den Muslimen als Ungläubiger, der die Hölle verdient und umgekehrt. Das sind doch nichts als menschliche Machenschaften. Man kann solche Texte nicht einfach wörtlich nehmen und so tun als seien es unfehlbare, göttliche Worte, an denen es nichts mehr zu zweifeln gibt. Wenn’s nicht so traurig wäre, wenn deswegen nicht so viel Blut und Tränen geflossen wären und immer noch fließen, müsste man drüber lachen.